Angelika Klüssendorf: Das Mädchen | *****

Das Mädchen von Angelika Klüssendorf hat viele Qualitäten, und die Tatsache, daß dieses Buch für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 nominiert war, zeigt, daß deren vielgescholtene Jury durchaus etwas versteht von Literatur – wenn auch die Wahl des Siegers wieder Zweifel daran weckt.

In sparsamer, verdichteter Sprache erzählt die Autorin die Geschichte eines verwahrlosten Mädchens aus Ostdeutschland, deren Kindheit und Jugend geprägt sind von elterlicher Vernachlässigung & Gewalt, von Sadismus, Überforderung und Brutalität. Als in Folge wiederholter Kleinkriminalität die Einweisung in Gefängnis & staatliche Heime auf die häusliche Gewalt folgen, kämpft sich die Protagonistin trotz auch dort herrschender widriger Umstände frei: Das Mädchen erzählt mit Lakonie, Ironie und Sarkasmus wie das gehen könnte – im falschen Leben zwar kein richtiges, aber überhaupt eins haben zu können. Eine starke Empfehlung für Verabscheuer von Betroffenheits-Literatur & Erfahrungsberichten, aber auch für Leser, die Autoren wie Uwe Tellkamp oder Julia Franck und deren Sicht auf Ost-Deutschland und die deutsch-deutschen Befindlichkeiten für überschätzt halten. Tolles Buch!

Kiepenheuer & Witsch | 2011 | Hardcover | 183 Seiten | 9783462042849 | € 18,99

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Nicolai Lilin: Freier Fall | ****

Buchcover von Nicolai Lilin: Freier FallNach Sibirische Erziehung, seinem ersten autobiographischen Roman aus dem kriminellen Milieu der postsowjetischen Tristesse, legt der russische Autor  Nicolai Lilin mit Freier Fall nun einen weiteren Doku-Roman vor, der seine Erlebnisse als strafversetztes Mitglied einer russischen Spezial-Einheit im Tschetschenien-Krieg schildert. Die hier detailliert beschriebenen Kriegsverbrechen beider Seiten sind nichts für Leser mit schwachen Nerven. Und obwohl die sprachlichen Qualitäten dieses Buches nicht weiter erwähnenswert sind, bleibt die Lektüre dennoch spannend und empfehlenswert: zum einen als literarische Momentaufnahme aus der zerfallenen Sowjetunion, zum anderen als kleiner Kommentar zum laufenden Weltgeschehen 1989ff.

Suhrkamp | 2011 |  398 Seiten | Paperback | 9783518462607 | € 14,95 |

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Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt – Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts | *****

Über dieses monumentale Werk zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, das mit dieser preiswerten Sonderausgabe bereits in der 6. Auflage seit  seinem ersten Erscheinen im Jahr 2009 vorliegt, haben seitdem zahlreiche kenntnisreiche Kritiker ausführliche & fundierte Rezensionen verfaßt (die auch im Netz gut dokumentiert sind), so daß dem hier eigentlich nichts hinzuzufügen ist außer einer einschränkungslosen Leseempfehlung.
Jürgen Osterhammel orientiert sich in der Auswahl der Kernthemen als auch im Blickwinkel, aus dem er diese analytisch betrachtet, weder an herkömmlichen Chronologien noch an geographisch vorgegebenen Standards, sondern wählt einen menschheitsgeschichtlichen Standpunkt, von dem aus er die Voraussetzungen und Folgen der historischen Ereignisse durch systematische Perspektivwechsel, insbesondere unter Berücksichtigung der Verhältnisse in Afrika, den Amerikas und vor allem Asiens miteinander in Beziehung setzt. Dabei entfalten die detaillierten Beschreibungen einzelner Phänomene als auch die panoramatischen Überblicke des Autors einen faszinierenden & vielfältigen Zugang zur Weltgeschichte zwischen Spät- & Hoch-Kolonialsmus im 18. / 19. Jahrhundert und der Auflösung der großen Reiche bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Großartig!

Beck | Hardcover | Sonderausgabe 2011 | 1.568 Seiten | 9783406614811 | € 28.-

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Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm | ****

Masterij, der verwitwete, pensionierte und angesehene Lehrer, ist der letzte Mann in einem der beiden Wohnhäuser der Vishram Society, einer Eigentümer-Gemeinschaft am Rande eines der zahlreichen Slums in Mumbai. Die anderen Wohnungsbesitzer haben ihre Wohnungen bereits an den windigen Immobilien-Hai Sha verkauft, der die beiden Türme abreißen und dort Luxus-Appartements errichten möchte. Man ahnt, daß diese Geschichte nicht gut enden wird..
Aravind Adiga gelingt in seinem dritten Buch Letzter Mann im Turm ( s.a. Der weiße Tiger & Zwischen den Attentaten ) ein mitreißender Gesellschaftsroman aus dem modernen Indien, in dem die Lebensrealität, Träume & vergeblichen Hoffnungen der Angehörigen der urbanen, unteren Mittelschicht präzise & lebendig portraitiert werden. Der gelungenen Übersetzung von Susann Urban und Ilija Trojanow ist es zu verdanken, daß die Vielstimmigkeit von Adigas Personal mit ihren zahlreichen, unterschiedlichen Sprechweisen einen überzeugenden, sprachlichen Ausdruck erlangt.

Beck | 2011 | 513 Seiten | Hardcover | 9783406621567 | € 19,95

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Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand | ****

Pawel und Wladek sind fliegende Händler, die Second-Hand-Textilien aus dem reichen Teil des Kontinents auf den riesigen Märkten Osteuropas verhökern. Die Zeiten waren schon mal besser, denn die Konkurrenz durch asiatische Billigprodukte macht ihnen immer mehr zu schaffen. Daher ist es für die beiden notwendig geworden, ihr Geschäftsfeld zu erweitern. Aus der skurrilen Road Novel entwickelt sich schnell eine handfeste Kriminalgeschichte. Andrzej Stasiuk beschreibt in Hinter der Blechwand die untergehende bäuerliche Welt des alten Osteuropa, die auch unter der Oberfläche des Realsozialismus immer existiert hatte & durch die jetzt der scharfe Wind der kapitalistischen Globalisierung fegt. Er betrauert die sich auflösende Ordnung, in der alles zur Ware geworden ist und menschliche Beziehungen keine Bedeutung mehr haben. Stasiuk zeigt, dass uns kein „Eiserner Vorhang“ mehr von jenen Ländern trennt, die in der Staatenkonkurrenz unterlegen sind, sondern eine banale Blechwand, die Armut und Verbrechen verbirgt.

Suhrkamp | 2011 | 344 Seiten | Hardcover | 9783518422540 | 22,90 € |

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Robert Olmstead: Der Glanzrappe | **

Als der 14-jährige Robey von seiner Mutter den Auftrag erhält, den im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfenden Vater zurück nach Hause zu holen, schwingt er sich auf ein Pferd und reitet los. Ein Bekannter der Familie überläßt ihm den titelgebenden Glanzrappen, und der Weg zum Vater führt den Heranwachsenden durch die vom Bürgerkrieg verwüsteten, weiten Landschaften der amerikanischen Ebenen. Leichen, Brutaltät & Grausamkeit pflastern seinen Weg, bis er den sterbenden Vater auf dem Schlachtfeld von Gettysburg findet, ebenso wie das junge Mädchen, deren Vergewaltigung er auf dem Weg zu seinem Vater beobachtet hatte. Gemeinsam begeben sie sich auf den mühsamen Heimweg – dort angekommen, rettet Robey der Zwillinge gebärenden Selbstmörderin knapp das Leben. Punkt.

Nach stimmigem Beginn der Story verliert sich Robert Olmstead in langatmigen Episoden, die aneinander gereiht werden wie im Creative-Writing-Seminar ausgedachte Text-Schnipsel, deren verbindener Stil ein raunend-mystischer Sound ist, der von Kritikern mit Joseph Conrads “Herz der Finsternis” verglichen worden ist. Das ist mehr als lächerlich: Der Glanzrappe ist der mißlungene Versuch, einen modernen Western zu einem klassischen amerikanischen Thema zu verfassen: sprachlich maniriert, ohne zielführenden Plot und aufgebläht von einer Bildsprache, die besoffen von sich selbst ist.-

dtv | 2011 | Taschenbuch | 260 Seiten | 9783423140324 | € 9,90

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