Schlagwort-Archive: DDR

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen | *****

Das Mädchen von Angelika Klüssendorf hat viele Qualitäten, und die Tatsache, daß dieses Buch für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 nominiert war, zeigt, daß deren vielgescholtene Jury durchaus etwas versteht von Literatur – wenn auch die Wahl des Siegers wieder Zweifel daran weckt.

In sparsamer, verdichteter Sprache erzählt die Autorin die Geschichte eines verwahrlosten Mädchens aus Ostdeutschland, deren Kindheit und Jugend geprägt sind von elterlicher Vernachlässigung & Gewalt, von Sadismus, Überforderung und Brutalität. Als in Folge wiederholter Kleinkriminalität die Einweisung in Gefängnis & staatliche Heime auf die häusliche Gewalt folgen, kämpft sich die Protagonistin trotz auch dort herrschender widriger Umstände frei: Das Mädchen erzählt mit Lakonie, Ironie und Sarkasmus wie das gehen könnte – im falschen Leben zwar kein richtiges, aber überhaupt eins haben zu können. Eine starke Empfehlung für Verabscheuer von Betroffenheits-Literatur & Erfahrungsberichten, aber auch für Leser, die Autoren wie Uwe Tellkamp oder Julia Franck und deren Sicht auf Ost-Deutschland und die deutsch-deutschen Befindlichkeiten für überschätzt halten. Tolles Buch!

Kiepenheuer & Witsch | 2011 | Hardcover | 183 Seiten | 9783462042849 | € 18,99

Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen | ****

Buchcover von Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssenZwanzig Jahre nach dem Mauerfall wird Herr W. von einer  Einladung überrascht: er soll an einem Symposium politisch verfolgter Untergrunddichter der DDR teilnehmen. Da er damals Elektriker war und später Philosophie studierte, glaubt er, dass es sich um einen Irrtum handelt. Und doch tauchen jetzt einige von ihm verfasste Gedichte auf, die er seiner früheren Freundin nach München schickte…
Rayk Wieland beschreibt in seinem Roman Ich schlage vor, daß wir uns küssen auf sehr komische Weise die letzten Jahre der DDR, die allumfassende Paranoia der Stasi und die letztendliche Lächerlichkeit des Regimes. Er lässt aber ebenfalls kein gutes Haar an jenen Oppositionellen, deren einzige literarische Qualifikation bei sonst völliger Talentlosigkeit in der Gegnerschaft zur Obrigkeit bestand.
Wenn in den 1980er Jahren Herr Lehmann einen Bruder im Geiste im Ostteil der Stadt hatte, ist dies Herr W.

Piper | 2011 | 207 Seiten | Taschenbuch | 9783492259194 | 8,95 € |

Erich Hackl: Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte | ****

hackl_salzmann1So hat es sich zugetragen: In den 1990er Jahren tritt der 24jährige Hanno Salzmann eine Stelle bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse an. Leider vertraut er einem Kollegen und spricht folgenden Satz aus: “Meine Oma ist in einem KZ umgekommen.“ Das hätte er nicht sagen sollen in Österreich gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von dieser Begebenheit berichtet Erich Hackl von drei Generationen der Familie Salzmann: deutsche und österreichische Kommunisten, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv waren, die aber auch in den Nachfolgestaaten Nazideutschlands ihre Heimat nicht fanden. Hackl erzählt sachlich und nüchtern von den Beschädigungen und Spuren, die das Leben bei jenen hinterlässt, die sich nicht anpassen und liefert ein Lehrstück über Antisemitismus, der noch immer in der Mitte unserer Gesellschaft seinen Ursprung hat.

Diogenes Verlag | 2010 | 186 Seiten | Hardcover | 9783257067583| €19,90 |

Hermann Kant: Kennung | ***

kant_kennungOstberlin im Frühjahr 1961: Der aufstrebende Literaturkritiker Linus Cord bekommt eines Morgens Besuch von einem sehr unauffälligen Herrn der „Firma“. Dieser möchte Cord dazu bewegen, sich im westlichen Teil der Stadt bei der Auskunftsstelle der Wehrmacht die Nummer seiner Erkennungsmarke zu beschaffen. Linus ist irritiert und ringt mit sich, schließlich ist er überzeugter DDR – Bürger. In diesem satirischen Roman gelingt es Hermann Kant, dem großen, alten Herrn der DDR –  Literatur, uns Lesern die Absurdität eines staatlichen Überwachungs- und Spitzelsystems vor Augen zu führen. Kant schreibt mit Sprachwitz und Humor und führt uns als allwissender Autor routiniert, aber manchmal ein wenig bemüht durch die Handlung.

Aufbau | 2010 | 250 Seiten | Hardcover | 9783351033019 | 19,95 €

Franziska Gehm: Der Tote im Dorfteich | ***

gehm_toteDer Fund eines fünf Jahre alten Skeletts im Teich eines Dorfes in der ostdeutschen Provinz ist der Ausgangspunkt, um den herum uns Franziska Gehm eine spannende Geschichte über ein komplexes Dorfgeheimnis erzählt, in dem Feigheit & Duckmäusertum ebenso eine Rolle spielen wie eine unerfüllte und tragische Liebe. Kleine Abzüge in der B-Note gibt es für die ein wenig undifferenziert wirkenden Charaktere.

Beltz Verlag | 2010 | 176 Seiten | Taschenbuch | 978-3-407-74160-8 | € 7,95 | ab 12 Jahre

Arnold Thünker: Anne und Paul | ***

thunker_annaMit seiner jüngeren Schwester fährt Paul zum ersten Mal ohne Eltern mit dem Interzonenzug in die DDR, um dort die Sommerferien zu verbringen. Eine Beschreibung des realsozialistischen Alltags, eine Zeitreise und eine Liebesgeschichte. Manchmal etwas bemüht | AS |

Kiepenheuer & Witsch | 2009 | 160 Seiten | Hardcover
 | 978-3-462-04075-3 | € 16,95