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Andreas Rossmann: Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr – Ruhrgebiet: Orte, Bauten, Szenen

Andreas Rossmann: Der Rauch verbindet die Städte nicht mehrModell ›Zeche Zollverein‹ auf Multimedia-Tisch

»Die größte, die modernste, die leistungsfähigste: Mindestens diese drei Superlative vermag die Schachtanlage Zeche Zollverein XII in Essen auf sich zu vereinen, als sich am 1. Februar 1932 die Räder ihres Förderturms zum ersten Mal drehen. Zwölftausend Tonnen verwertbarer Steinkohle pro Tag, das bedeutet die unglaubliche Vervierfachung der Durchschnittsleistung im Revier. Nur 83 Sekunden benötigen die vier Förderkörbe für ihre Be- und Entladung sowie den Zug aus 620 Meter Tiefe – von der zwölften Sohle – zur Hängebank über Tage. Auf eine Länge von 120 Kilometern bringt es das Streckennetz, das bis in 1200 Meter Tiefe reicht: Ein industrieller Hochleistungskomplex ist hier entstanden, der den ganzen Kosmos einer Arbeits-, Produktions- und Lebenswelt umfasst. Eröffnet wird er im gleichen Jahr, in dem die Schließung des Bauhauses in Dessau beginnt. Auch wenn sie nicht aus dessen Geist entstanden ist, stellt die Zeche Zollverein XII mit ihren kubischen, nach dem Prinzip von Axialität und Symmetrie geordneten Baukörpern doch ein spätes, „anderes“ Monument der Golden Twenties dar: Zeugnis einer wirtschaftlichen Hochblüte, die zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme bereits verwelkt ist.

Aber noch in einer anderen Hinsicht ist die Zeche Zollverein XII ihrer Zeit und der Konkurrenz voraus, denn auch bei der Finanzierung – und das halten viele Darstellungen für nicht weiter erwähnenswert – gehen die Betreiber neue Wege. Schon zu Beginn der zwanziger Jahre ist abzusehen, dass die damals bestehenden vier Schachtanlagen überaltert sind und die Förderung nicht gesteigert werden kann. Rationalisierung ist gerade zu einem Leitprinzip unternehmerischen Denkens geworden, Automatisierung der Arbeitsabläufe heißt das Gebot der Stunde, und so fällt 1926 die Entscheidung, eine Verbundanlage bisher unbekannten Ausmaßes zu schaffen, die imstande sein würde, die gesamte Tagesförderung der Zeche zu heben und aufzubereiten. Treibende Kraft und Bauherr des Großprojekts ist der Bergwerksdirektor Friedrich Wilhelm Schulze Buxloh (1877-1959), der gegen interne Kritik weitsichtige Strategien entwickelt und dabei die Rückendeckung des Vorstandsvorsitzenden Albert Vögler genießt: 1921 wird Schulze Buxloh an die Spitze der Phönixzechen in Gelsenkirchen berufen und 1926, bei Gründung der Vereinigten Stahlwerke AG, als deren Vorstandsmitglied mit der Leitung der Zechengruppe Gelsenkirchen betraut. Entstanden ist die Vereinigte Stahlwerke AG, damals der zweitgrößte Stahlkonzern der Welt, nach dem amerikanischen Vorbild der US Steel Corporation, die den Maßstab vorgibt und auch bei der Finanzierung Modell steht: Angesichts der Geldknappheit in der deutschen Wirtschaft konnte der Investitionsbedarf nur mithilfe amerikanischer Kredite realisiert werden, und so hatten sich schon ihre Vorgängergesellschaften in New York Kapital besorgt, indem sie langfristige Dollaranleihen ausgaben, die vielfach von deutschstämmlgen US-Bürgern gezeichnet wurden. Damit verschaffte sich die Vereinigte Stahlwerke AG an der Ruhr einen Wettbewerbsvorsprung, der sich zusammen mit dem durch den Verbund erzielten Kostenvorsprung in der Zeche Zollverein XII manifestiert und der Anlage ein langes Leben sichert. Denn das technische Konzept von Schulze Buxloh hält mehr als ein halbes Jahrhundert: Während der Niedergang des deutschen Stahlkohlenbergbaus schon 1959 einsetzt, wird die Zeche Zollverein XII erst 1986, als letzter Pütt in Essen, geschlossen.

Schon 1918 lernt Schulze Buxloh den Architekten Fritz Schupp (1886-1974) kennen und erteilt ihm den Auftrag, Nebengebäude für die Zeche Holland in Wattenscheid, die er damals leitet, zu entwerfen: Es ist der erste Auftrag im Industriebau für den frischgebackenen Diplom-Ingenieur, der 1921 mit seinem ehemaligen Kommilitonen Martin Kremmer (1895-1945) eine Arbeitsgemeinschaft eingehen wird, und der Beginn einer langen, vertrauensvollen Zusammenarbeit, die in der Zeche Zollverein XII ihren baukünstlerischen Höhepunkt erreicht. Ebendamit, mit der stringenten Ästhetik der Architektur, hat der vierte Superlativ zu tun, der der weiträumigen, zwanzig Gebäude umfassenden Anlage zuteil wurde und sich nicht in Zahlen nachweisen lässt: „Schönste Zeche der Welt.“ Dass Industriebauten Schönheit annehmen, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit und erscheint gerade im Bergbau, der mit Feuer, Kohle, Lärm und Schmutz einhergeht, besonders abwegig, doch wird es selten so eindrucksvoll augenfällig wie in diesem Ensemble: Die einzelnen Bauten bestehen aus einer gleichmäßig gerasterten Stahlfachwerkkonstruktion mit einer einheitlichen, nur zwölf Zentimeter dicken Backsteinausfachung, die, flexibel für Um- und Ausbauten, wandbündige horizontale Drahtglasbänder ebenso zulässt wie Betonflächen. Klar definiert und in geometrischer Ordnung aufeinander bezogen, bilden sie die inneren Arbeits- und Produktionsabläufe ab. Geht es Schupp, wie er betont hat, doch darum, „daß im Rhythmus der Baukörper und Baumassen der Rhythmus der Funktionen zum Ausdruck“ komme, „die sich in ihnen vollzieht“. Kurz und formelhaft bekannter formuliert, heißt das: „form follows function«. Bis in die Details der Lampen, Treppengeländer und Türgriffe, der Wege und Grünflächen durchgestaltet, bekundet die Zeche eine Nähe zum Gesamtkunstwerk. Auch das Doppebockfördergerüst wird, Synthese aus ingenieurtechnischer Konstruktion und architektonischer Formgebung, von Schupp und Kremmer entworfen: Breitbeinig über dem Schacht sich erhebend, ist es zum Wahrzeichen der Region, zum Emblem des Ruhrgebiets geworden.

Das flexible Baukastenprinzip des mit roten Ziegeln ausgemauerten Stahlfachwerks, das Schupp und Kremmer hier erstmals anwenden, wird zu ihrem Markenzeichen und begründet ihre führende und lange tonangebende Position im Bereich der Industriearchitektur, die Schupp nach dem frühen Tod seines Kompagnons, der in den letzten Kriegstagen in Berlin ums Leben kam, bis in die sechziger Jahre behaupten kann: Mehr als vierzig Bergwerke umfasst ihr OEuvre, dazu Kokereien, Raffinerien, Stahl-, Kraft- und Fahrzeugwerke, Chemie-, Kali- und Zementfabriken, Schalt- und Stranggussanlagen. Von Gleiwitz in Oberschlesien über Goslar, wo sie 1936 bis 1939 für das Bergwerk Rammelsberg neue Übertageanlagen errichten, und Wolfsburg, wo sie am Bau des Volkswagenwerks beteiligt sind, bis nach Hückelhoven im Aachener Steinkohlenrevier reicht geographisch das Band ihrer Bauaufgaben. Ihren Schwerpunkt aber haben sie im Ruhrgebiet, wo sie in der Zeche Zollverein XII kulminieren.

Anders als das Bauhaus, mit dem sie zu Unrecht identifiziert wird, gründet die Architektur von Schupp und Kremmer nicht in einer sozialkritischen Moderne. Bauen verstehen sie als ingenieurmäßigen Prozess, der gleichwohl den Anforderungen an die Schönheit zu genügen hat: Ihr an den Expressionismus angelehnter Repräsentationsstil, dessen heroische Symmetrien den Zechengesellschaften zur Selbstdarsteltung gereichen, ist eine Form der Herrschaftsarchitektur und ästhetisiert die zeitgenössische Arbeitswelt. Dass ihre Prinzipien wenig später von den Nationalsozialisten usurpiert werden (können), spricht nicht gegen die Architektur oder gar die Architekten, deren Entwurf aus dem Jahr 1927 datiert und deren Anspruch Schupp 1929, während der Realisierung von Zeche Zollverein XII mit diesen Worten umreißt: „Wir müssen erkennen, daß die Industrie mit ihren gewaltigen Bauten nicht mehr ein störendes Glied in unserem Stadtbild und in der Landschaft ist, sondern ein Symbol der Arbeit, ein Denkmal der Stadt, das jeder Bürger mit wenigstens ebenso großem Stolz dem Fremden zeigen soll wie seine öffentlichen Gebäude.“(…)

Als am 23. Dezember 1986 die letzte Schicht gefahren und der Vorzeige-Pütt im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras zu Grabe getragen wird, feiert Essen eine schwarze Weihnacht. Sechs Tage später, am 29. Dezember 1986, findet in der Maschinenhalle ein ökumenischer Gottesdienst statt, und der Zechendirektor spricht von einem „traurigen Datum für die Menschen und die Technik“. Knappen singen, Posaunen schmettern, sechshundert Liter Erbsensuppe werden verteilt. Zwar wird keiner der zuletzt nur noch 1700 Beschäftigten arbeitslos, doch im Essener Nordosten, in den Zechenkolonien vonKaternberg, Stoppenberg und Schonnebeck, gehen viele Lichter aus. Die Kohle wanderte weiter nach Norden, Essens große Geschichte als Bergbaustadt ist zu Ende.

Seit 1847 war hier Kohle gefördert worden. Nachdem die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt und die Streckenführung der Köln-Mindener Eisenbahn, die mitten durch das Gebiet lief, gesichert war, hatte der Ruhrorter Kaufmann Franz Haniel (1779-1868) mehrere Ländereien zusammengekauft und mit dem Abteufen des Schachts begonnen. „Zollverein“, wie er das dreizehn Quadratkilometer große Grubenfeld nannte, war schon damals eine Fortschrittsformel: Unter diesem Namen hatten die deutschen Bundesstaaten angefangen, sich unter der Führung Preußens zusammenzuschließen, um dem politisch zerstückelten Land endlich einen wirtschaftlichen Binnenmarkt zu geben, was schließlich 1871 zur Reichsgründung führte. Die Förderung beginnt 1851, bereits 1866 wird die erste Kokerei gebaut, die erste Kohlenwäsche folgt 1874, eine zweite, qualitativ bessere 1886. Von 1881 bis 1886 werden drei weitere Schachtanlagen errichtet, um 1900 gehört die Zeche mit 5355 Bergleuten und einer Jahresförderung von 1,7 Millionen Tonnen zu den größten im Revier, 1904 werden auf Schacht 1, 1922 auf Schacht 2 die Malakowtürme, benannt nach der Festung auf der Krim, durch einen Förderturm ersetzt. 1920 wird Zollverein Hüttenzeche im Stahlkonzern Phoenix AG, der 1926 in der Vereinigte Stahlwerke AG aufgeht.

Als im Winter 1986 die Sterbeglocken läuten, glauben nur wenige an ein „zweites Leben“ der Zeche Zollverein, und wohl niemand hätte sich träumen lassen, dass sie fast auf den Tag genau fünfzehn Jahre später, am 14. Dezember 2001, zum Weltkulturerbe geadelt werden würde. Ihre Karriere als Denkmal hat sie gegen heftige Widerstände gemacht. Vor allem die Stadt Essen tat sich jahrelang schwer damit, sie als ihr Erbe anzuerkennen: Erst genehmigt sie den Abrissantrag, den die Ruhrkohle AG 1983, ein Jahr nach der Ankündigung, das Bergwerk zu schließen, gestellt hat, dann will sie nur einer „kleinen Lösung“ zustimmen, die das Fördergerüst mit seinen Nebengebäuden, nicht auch das Kesselhaus und die Kohlenwäsche einschließt. Doch hat das Rheinische Amt für Denkmalpflege den Schacht schon 1984 in einen Sammelauftrag aufgenommen und der Abbruchgenehmigung widersprochen. So muss der Minister für Landes- und Stadtentwicklung von Nordrhein-Westfalen angerufen werden, der eine mutige und weitsichtige Entscheidung traf: Es ist vor allem das Verdienst von Christoph Zöpel, der von 1980 bis 1990 dieses Amt bekleidet, dass die Zeche Zollverein gerettet wird.

Mit dem Erwerb der Liegenschaften und Gebäude durch seinen Grundstückfonds übernimmt das Land auch die Verantwortung für das Areal, das – einschließlich der 1993 stillgelegten Kokerei – hundert Hektar umfasst. 1989 werden eine Bauhütte und eine Arbeits- und Beschäftigungsgesellschaft gegründet, die – begleitet von den Essener Architekten Heinrich Böll und Hans Krabel – mit der schrittweisen Erschließung und behutsamen Instandsetzung beginnt und bis 1994 sechs Hallen neuen Nutzungen zuführt: Im Schalthaus werden zwei Veranstaltungssäle, das Besucherzentrum, die Büros der Bauhütte, das Archiv, das Filmstudio „Glück auf“ und eine Werbeagentur untergebracht, in der Lesebandhalte eine Probebühne des Theaters und vier Ateliers eingerichtet. Auch das Bürgerbegegnungszentrum des Stadtteils wird hierher verlegt, denn selbst für die Anwohner ist, soweit sie nicht hier gearbeitet haben, Zollverein eine „verbotene“ Stadt gewesen: Erst jetzt wird ihnen das „Mausoleum der Maloche“ zugänglich, kann es entdeckt und erkundet werden. Zwei Werkstattgebäude werden zu Ausstellungshalten für zeitgenössische Kunst umgewidmet, in zwei andere zieht die Beschäftigungsgesellschaft ein, und im ehemaligen Niederdruckkompressorenhaus eröffnet mit dem „Casino“ ein erstklassiges Restaurant. Der Kühlturm II wird für ein Medieninstitut der Folkwang-Hochschule „Interartes“ zu einem großen, hellen, von acht Säulen umgebenen Raum verwandelt.

Am 23. Dezember 1996, auf den Tag genau zehn Jahre nach Stiilegung der Zeche, wird das umgebaute Kesselhaus seiner neuen Bestimmung übergeben, die für die weitere Entwicklung des Areals eine entscheidende Rolle spielt. (…) Ende 1998 wird ein Denkmalpfad durch den Übertagebereich der Zeche Zollverein eröffnet, der durch die im Original belassenen Gebäude der ehemaligen Sieberei und der Kohlenwäsche führt und den Weg der Kohle verfolgen lässt: Gigantische Maschinen und Förderbänder zeugen von einem Arbeitsalltag in Lärm und Staub, Modelle, Filme und Installationen veranschaulichen die Aufbereitung des „schwarzen Goldes“. Nirgends sonst in Europa lässt sich die weitverzweigte Komplexität der Kohle fördernden und verarbeitenden Industrie ähnlich komplett ablesen – und ablaufen. Längst haben auf der ehemaligen Halde Birken und seltene, dem nährstoffarmen Boden trotzende Pflanzen damit begonnen, sich das Terrain zurückzuerobern: Die Planungsgruppe Oberhausen hat hier einen Park angelegt und der Bildhauer Ulrich Rückriem, der 1992 seinen Beitrag zur documenta IX auf Zollverein zeigte, fünf skulpturale Steinquader gesetzt.

Nicht ganz so lang, aber ähnlich beschwerlich wie der Weg zum Denkmal soll sich für die Zeche Zollverein XII der Weg zum Weltkulturerbe erweisen. Auch hier wird es notwendig, ein breites Bündnis der Befürworter herzustellen, Überzeugungsarbeit zu leisten, Bedenken auszuräumen, Hürden zu überwinden. Den Impuls dafür gibt die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA), ein auf zehn Jahre angelegtes Programm zur ökonomischen und ökologisehen Erneuerung des nördlichen Ruhrgebiets, das die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen 1989 auflegt: Dezentral organisiert und projektbezogen ausgerichtet, hat sie ihre Kopfstelle zwar wenige Kilometer weiter östlich, jenseits der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen, im umgebauten Trafohaus der ehemaligen Zeche Rheinelbe, doch erklärt sie die Zeche Zollverein XII von Anfang an zu ihrem Sinnbild, ihrem Paradigma und ihrem Aushängeschild sowie schließlich auch zum Knotenpunkt der von ihr angelegten „Route der Industriekultur«. (…)

Am 14. Dezember [2001, Anm.: BS] ist es dann so weit: Auf seiner Sitzung in Helsinki nimmt das „World Heritage Committee“ der Unesco die „Industrielle Kulturlandschaft Zollverein“ in die Liste des Weltkulturerbes auf. „Der Bergbaukomplex Zeche Zollverein ist ein außerordentliches Kulturdenkmal dank der Tatsache, daß seine Gebäude herausragende Beispiele für die Anwendung von Gestaltungskonzepten der architektonischen Moderne auf einen ganzen industriellen Komplex sind“, heißt es in der Begründung: „Die technologischen und anderen Strukturen von Zollverein XII sind repräsentativ für eine kritische Periode in der Entwicklung der traditionellen Schwerindustrie in Europa, als von hochwertigen architektonischen Gestaltungsprinzipien ein verständnisvoller und positiver Gebrauch gemacht wurde.“ Das Paradox des Unesco-Prädikats aber besteht darin, dass einer Architektur, die als Provisorium gedacht war und etwa dreißig Jahre halten sollte, Ewigkeitswert zuerkannt wird. Es ist die 25. Stätte in Deutschland, der die Auszeichnung zuteil wird, und nach dem Bergwerk Rammelsberg (1992) und der Völklinger Hütte (1994) erst die dritte der Montangeschichte. Für das Ruhrgebiet aber ist es eine Premiere: Seine Kathedrale der Industrie rangiert in NordrheinWestfalen damit auf einer Stufe mit Bauten des feudalen und kirchlichen Erbes, den Schlössern Augustusburg und Falkenlust in Brühl (aufgenommen 1984) sowie den Domen in Aachen (1978) und Köln (1996).(…)

„Industrielle Kulturlandschaft Zollverein“: Das bedeutet sehr viel mehr als der Zentralschacht Zeche XII, der ihr funktionales und auch bauästhetisches Zentrum bildet; vielmehr gehören zu ihrem Kern auch die schon 1932 stillgelegte Zeche 1/2/8, deren Maschinenhaus zum „Kunstschacht“ und in deren Kaue das Choreographische Zentrum NRW eingerichtet wurde, sowie die Kokerei, die von 1957 bis 1961 in nordöstlicher Ergänzung zur Zeche realisiert wurde. Auch sie ist eine Anlage der Superlative, galt sie doch bei ihrer Inbetriebnahme als modernste und leistungsstarkste Zentralkokerei in Europa: Südlich der Köln-Mindener Eisenbahn, zwischen Großwesterkamp und Arendahls Wiese, auf einem vierzig Hektar großen Gelände errichtet, umfasst sie zunächst 192 Großraumöfen – von acht Metern Höhe, fast dreizehn Metern nutzbarer Länge und einer Kammernbreite von 45 Zentimetern – in acht Batterien, die 1972/73 – bei laufendem Betrieb – auf 304 erweitert werden. So kann die Kapazität von fünftausend auf bis zu 8600 Tonnen, die Gasgewinnung auf drei Millionen Kubikmeter täglich gesteigert werden.(…)

Um diesen Kern des Weltkulturerbes legt sich eine „Pufferzone“, deren Ausdehnung mit den Stadtteilgrenzen von Stoppenberg, Katernberg und Schonnebeck zusammenfällt. In ihr befinden sich zahlreiche Siedlungen, die die Entwicklungsgeschichte des Bergbaus auch im Wohnungsbau dokumentieren: Die älteste von ihnen ist die Arbeitersiedlung Hegemannshof, deren erste Häuser bereits 1860 entstehen. Bis 1914 folgen die Kolonien Ottekampshof, Kolonie III, Beisen, die Siedlungen Theobaldstraße und Stiftsdamenwald, zwischen den Weltkriegen der genossenschaftliche Wohnungsbau am und um den Heinrich Lersch Platz, nach 1945 die Pestalozzidörfer Neuhof und Grundstraße.

In den Jahren 1992 bis 2002 sind mehr als fünfzig Millionen Euro an öffentlichen Mitteln in das Ensemble geflossen. Als die EU 1999 beschließt, den Essener Norden 2006 aus der Förderkulisse herauszunehmen, stellt sie noch einmal vierzig Millionen Euro an „Ausphasungsmitteln“ in Aussicht, die sich mit vierzig Millionen Euro des Landes Nordrhein-Westfalen und zehn Millionen Euro der Stadt Essen zu einer kräftigen Anschubfinanzierung summieren. Um die Subventionen zu sichern, wird in kürzester Zeit eine „Denkschrift“ aufgesetzt, die die zweite Ausbauphase auf drei Säulen stellt: auf Metaform, eine documenta des Designs, auf eine freie Design-Hochschule und auf ein Ruhr Museum zur Geschichte der Industriegesellschaft.

Als zentrale Steuerungsinstanz wird im Mai 2001 die Entwicklungsgesellschaft Zollverein (EGZ) gegründet, die die verschiedenen Akteure koordinieren und privatwirtschaftliches Engagement im Umfeld fördern soll. Unter dem Zeitdruck, die EU-Mittel bis zum Sommer 2003 anlegen zu müssen, hat die EGZ Rem Koolhaas und sein Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) mit einem Masterplan für Zollverein beauftragt. Der niederländische Architekt schlägt vor, um das Industriedenkmal einen „Economyring“ zu legen, von wo aus es zwei neue Gewerbegebiete gleichsam in die Zange nimmt, und die vier Eingänge mit „Attraktoren“ zu besetzen. Die 45 Meter hohe Kohlenwäsche, Koolhaas zufolge mehr eine Maschine als ein Gebäude, soll nach seinen, in Partnerschaft mit Böll und Krabei erarbeiteten Plänen bis 2005 zu einer Art Centre Pompidou des Ruhrgebiets umgebaut werden, das die Metaform, das Ruhr Museum und ein Besucherzentrum beherbergt. Den ersten Wettbewerb für einen Neubau hat im Januar 2003 das Tokioter Architekturbüro SANAA gewonnen, das für die Design School einen weißen, transparenten Würfel vorschlägt. Nach und nach soll der Ort so zum „Portal“ und Paradigma des neuen Ruhrgebiets werden, an dem der Strukturwandel vom Zweibeiner zum Tausendfüßler im Fokus Beispielkraft gewinnt. Die Gefahren, die Zollverein drohen, sind zwei Extreme: Entweder zum monumentalen Industriemuseum zu erstarren oder zum gehobenen Gewerbepark zu verflachen. In diesem Konfliktfeld zwischen Kulisse und Kommerz gilt es, seine Zukunft auszutragen.« (Die industrielle Kulturlandschaft Zollverein; Seiten 112 – 134)

[Andreas Rossmann: Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr – Ruhrgebiet: Orte, Bauten, Szenen; Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012, mit 25 s/w-Photographien von Barbara Klemm, 264 Seiten, Paperback, Fadenheftung, ISBN: 978363351793]

Ingrid Strobl: Anna und das Anderle – Eine Recherche

Foto 01.01.15 17 08 12»Ich habe in dem Kaffeehaus ein Glas Rotwein bestellt, und dann noch eins, ich hätte mich gerne betrunken, die nagenden Fragen weggeschwemmt, die sich, seit ich an der Arche Noah vorbeiging, nicht mehr abweisen ließen. Es sind immer wieder dieselben Fragen, Lea, auf die ich keine Antwort finde. Wie konnten wir hier gegen den Antisemitismus zu Felde ziehen und zugleich den Feldzug gegen Israel unterstützen? Wie konnten wir Antifaschisten sein, ohne an der Shoa zu verzweifeln? Wir haben Brecht gelesen und Seghers und was wir in die Finger bekamen an Berichten über die Kämpfe, das Heldentum in Madrid und Lyon, an der Front vor Moskau. Wir haben die alten Frauen und Männer verehrt, die, Spaniens Himmel, uns von ihrem Leben erzählten und vom Tod der Genossinnen und Genossen in den Zuchthäusern und Lagern der Nazis. Wir haben aber unsere Herzen verschlossen vor der jüdischen Krankenschwester, die ihre Patienten zu schützen versuchte, als die Mordkommandos auf alles schossen, was da lag auf den Betten und Pritschen, auf Frischoperierte und Fiebernde, auf den Säugling im Arm seiner Mutter. Wir haben nicht gefragt nach den Frauen und Männern, die in den Städten und Wäldern kämpften, als Juden noch hundertmal mehr gefährdet und ausgeliefert als alle anderen Partisanen.

Wir haben schon gar nichts wissen wollen von denen, die, sei es aus Not, sei es aus Überzeugung, nach Palästina emigrierten, nach Erez Israel. Dabei gab es in unserem Freundeskreis durchaus Leute, die Verwandte hatten in Haifa und Tel Aviv, wir haben nur nie mit ihnen darüber gesprochen. Es waren unter unseren Freundinnen und unsern Genossen mehrere Jüdinnen und Juden, doch wir haben das seltsamerweise fast vollständig ignoriert, waren nur interessiert, wenn es um Antifaschismus ging und Exil. Wie aber sie sich fühlten, unter uns, ob sie uns wirklich trauten, das haben wir sie und auch uns nie gefragt. Wir haben uns auch nie gefragt, was sie empfanden, wenn wir jüdische Witze erzählten, wenn wir Kafka und Kraus und Schönberg und Freud für uns reklamierten, als wären sie unser Erbe, wenn wir, im Abgrund unserer Dummheit, erklärten, die Juden seien ja leider wie Lämmer zur Schlachtbank gegangen. Ich habe mich später, als wir begannen, mit den Palästinensern solidarisch zu sein, gefragt, ob man ihnen denn trauen könne in dieser Sache, ich wollte sie in unserer Volksgemeinschaft der Linken nur noch zulassen, wenn sie sich laut und deutlich gegen den Zionismus erklärten. Jetzt, Lea, ist es, wenn es nicht schon zu spät ist, an mir, laut und deutlich zu erklären, daß ich sie um Entschuldigung bitte für meine Dummheit, meine arische Präpotenz, meinen unbewußten, aber deshalb nicht weniger schrecklichen Antisemitismus.
Seit einiger Zeit schon hege ich die böse Vermutung, es könne eine Verbindung geben zwischen der Tirolerin, die ich bin, und der Antizionistin, die ich wurde. Es gibt einen Strang, vielleicht auch nur einen Faden, der das eine mit dem andern verbindet, das Alte mit dem Neuen, das Rechte mit dem Linken, den Antisemitismus der aufrechten Tiroler mit meinem Antizionismus. Sie sehen sich auf den ersten Blick, und auch auf den zweiten, nicht ähnlich, und doch muß dieses eine der Wurzeln für jenes sein.

Was habe ich, was haben wir, die linken Antizionisten in Österreich und Deutschland, alles verbunden mit dem Wort Zionismus, was haben wir hineinphantasiert und hatten doch keine Ahnung von dem, was Zionismus alles bedeutet hat, früher, und heute bedeutet. Wir waren keine Bundisten, auch keine jüdischen Kommunisten, die Herzls Gedanken verwarfen zugunsten der eigenen Utopie. Es gab gewiß gute Gründe, die Zionisten zu bekämpfen, im Polen, im Deutschland, im Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre, das waren aber niemals unsere Gründe. Wir waren auch nicht, wie Hannah Arendt eine Zeitlang, gegen den jüdischen Staat aus Sorge um das jüdische Volk. Wir haben uns nie, als Linke, als die arischen Unterstützer der palästinensischen Sache, gesorgt um das jüdische Volk.

Aber was heißt: wir, was heißt: Linke. Ich spreche von mir, Lea, von der, die ich war vor Jahren und nicht aus Zufall. Was ich suche, ist, unter anderem auch, der Faden, der mein kindliches Mitleid mit dem Anderl von Rinn, dem angeblichen Opfer der Juden, verbindet mit meiner späteren blinden Leidenschaft für den Kampf des palästinensischen Volkes, einer Leidenschaft, die alles, was ich für andere Völker oder Minoritäten empfand, die auch um Gerechtigkeit kämpften und Freiheit, übertraf.

Ich konnte damals den Vorwurf, ich sei eine Antisemitin, gar nicht begreifen, wie konnte ich etwas sein, das ich doch ehrlich bekämpfte, als Antifaschistin? Und waren die Palästinenser nicht historisch im Recht? Wie konnte ich, marxistisch geschult, die Wahrheit verleugnen, nur weil sie gegen Israel sprach? Ich fühlte mich im Recht wie sonst selten. Ich sah nur Schwarz und Weiß, nur Gut und Böse, und war in meinen Augen die eine Seite im Recht, konnte die andre nur unrecht haben. Ich sah das Unrecht, das den Palästinensern angetan wurde, und dahinter verschwanden, als wäre das hier nicht von Bedeutung, die Verfolgung von zweitausend Jahren, die gelben Hüte, die Scheiterhaufen, die Zwangstaufen und Pogrome und schließlich die sechs Millionen gemordeter Frauen, Männer und Kinder.

Ich hörte nur das, was ich hören wollte, denn hätte ich die Ohren ganz aufgesperrt, dann hätte ich auch gehört, womit palästinensische Führer, auch linke, den Zionisten drohten und daß sie mit den Zionisten die jüdische Bevölkerung Israels meinten. Und sagte gar jemand: Huseini hat Hitler besucht, oder: Nasser ließ sich von Nazis beraten, oder: In Damaskus lebt, mit dem Einverständnis der Regierung, der Endlöser Alois Brunner, oder: Es trainieren Neonazis in Lagern der PLO, ich habe es alles geleugnet, nicht nur vor andern, auch vor mir selbst, es konnte, was nicht sein durfte, nicht sein. Und wenn, was nicht sein durfte, vor meiner Nase geschah, wenn Genossinnen und Genossen die Tatsache, daß die Juden in Deutschland und Österreich gezwungen waren, aus berechtigter Furcht für ihre Kindergärten und Synagogen um Polizeischutz zu bitten, mit einem kalten Na und kommentierten und die Mehrheit der Linken diese Tatsache schweigend hinnahm, weil doch die Anschläge nicht von Nazis drohten, sondern von Palästinensern, dann habe ich mein Entsetzen darüber verschwiegen, aus Loyalität, man konnte doch nicht ins Horn der Feinde blasen und ihnen die Richtigkeit dessen bestätigen, was sie uns unterstellten.

Und ich habe doch auch die Palästinenser betrogen, die realen Menschen in Gaza und Ramallah, in Yarmuk und in Sabra und Schatila. Sie haben mir als Ersatzvolk gedient, das die Revolution erringen sollte, die ich hier nicht zustande brachte, die das Proletariat hier bei uns, auf das ich, und nicht ich allein, gehofft und gebaut hatte, gar nicht wollte. Und so mußten die Verdammten dieser Erde vollbringen, was hier nicht gelang. Es war eine seltsame Mischung, Lea, aus echtem Gerechtigkeitssinn, echter Wut auf die Verbrechen der Ersten Welt an der Dritten, echter Sehnsucht nach einer Welt, in der nicht die einen auf Kosten der anderen leben und sich auch noch für etwas Besseres halten sollten, und der Delegation des Kampfes für diese bessere Welt auf die fernen Völker anderer Kontinente. Ich konnte nicht für die Interessen und an der Seite derer kämpfen, die das bißchen an Vorteilen, die sie als Weiße, als Einheimische hierzulande genossen, nicht teilen wollten mit Tschuschen und Kanaken und Bimbos. Und so setzte ich, wie die meisten aus meiner Generation, die, Vorwärts und nicht vergessen, sich mit der herrschenden Realität nicht abfinden konnten, all meine Hoffnung auf den Kampf, den die Verdammten dieser Erde um Befreiung und Sozialismus führten. Dahinter steckten, auch wenn wir die Phrasen bedenkenlos übernahmen und nicht hinterfragten, was uns die Funktionäre der Befreiungsbewegungen alles erzählten, nicht nur Ideologie und der jeweils modische Ismus, Lea, wir konnten nicht atmen in einer Luft, die vergiftet war von Napalm und Tränengas und dem Rauch der brennenden Hütten in Santiago und Soweto und Beirut. Warum ich aber unter allen Verdammten der Erde die Palästinenser als Erfüllungsgehilfen meiner eigenen Sehnsüchte wählte, darüber dachte ich keine Minute lang nach.

Ich habe an die zehn Jahre gebraucht, um endlich das Schlimmste zu begreifen und mir einzugestehen. Es haben, von Kaltenbrunner bis Brunner, Österreicher im Auftrag ihres Landsmanns und Führers mitgewirkt an der Ermordung, der Vernichtung, der Auslöschung der Juden in Europa. Ich, Österreicherin, Landsfrau von Hitler und Kaltenbrunner, habe, nicht mit Absicht, aber de facto, eine Politik unterstützt, die Israel hätte vernichten können. Ich wollte den Israelis nichts Böses, kein Haar wollte ich ihnen krümmen, nur Gerechtigkeit für die andern, das
Land für die Palästinenser; wohin dann aber die Juden sollten, das habe ich nicht bedacht. Ich sage auch nicht, es hätten die Palästinenser im Falle des Sieges die Israelis ermordet, ins Meer getrieben, wie Schukheiri gedroht hat. Niemand weiß, was wirklich geschehen wäre nach einem Sieg der arabischen Armeen, der Befreiung Palästinas. Indem ich es aber nicht wußte, indem ich nicht für die Sicherheit der Menschen in Israel garantieren konnte und trotzdem den gerechten Kampf der Palästinenser vertrat, habe ich die mögliche Vernichtung Israels und der Israelis in Kauf genommen. Doch wenn mir das jemand sagte, damals, war ich fassungslos über die unverdiente gemeine Unterstellung. Ich fühlte mich als aufrechte Antifaschistin, ich habe lautstark den Antisemitismus der anderen, der Rechten, der alten Nazis, der Stammtischbrüder bekämpft. Und jede Ahnung, daß hier etwas nicht stimmte, verdrängt.« (Seite 61-67)

[Ingrid Strobl: Anna und das Anderle – Eine Recherche, S.Fischer, 1995, 110 Seiten, Paperback, ISBN: 3596223822]

Herbert Huncke: Bickford’s Cafeteria

Foto 13.12.14 13 11 18»Sie sprechen von Goldkiefern, und ich werde zurückversetzt, weit in die Vergangenheit, und es ist Spätsommer außerhalb von Potlatch, Idaho. Die Sonne geht unter – der Himmel in Fetzen gerissen – safrangelb – eisgrün – lavendel und verschiedene Rosatöne von flamingo bis zum blassesten Pastell – überlagert von bedrohlich schwarzen Wolkenformationen. Die Straße ist aus gelber Erde und festgepreßtem Sand und einer Schicht grober, weißer Kieselsteine. Sie windet sich durch einen Komplex grauer Schindelhäuser – vorbei an Bahnschienen und einem Zug flacher Waggons, die mit frisch gefällten, massiven Baumstämmen beladen sind. Sie kommen aus den umliegenden Wäldern, die sich meilenweit über die Hügel erstrecken – zu groß für das Sägewerk, einem angestrichenen Gebäude aus Rotholz am Ortsrand, wo viele Leute aus der Stadt arbeiten – die anderen sind meistens in den Wäldern beschäftigt – sie sägen und hacken und fällen und schleppen die großen, majestätischen Bäume weg – die Landschaft durchzogen vom Hall ihres qualvollen Niederkrachens, einem dumpfen Todesaufprall – und wir sitzen in einem offenen Modell-T-Ford und fahren am Sägewerk vorbei – der Gemischtwarenhandlung – einer Bierpinte – wo ich mich früher – vor der Zeit, über die ich gerade berichte – oft betrunken habe – überschäumende Krüge eiskalten Biers runterkippte, die von einer dunkelhaarigen Kellnerin an den Tisch gebracht wurden – die Kneipensitten einer Holzfällerstadt waren ihr geläufig – sie konnte lachen darüber und pausenlos scherzen mit den rotgesichtigen, stämmigen Holzfällern – die immer noch ihre festen, imprägnierten Stiefel anhatten. Einmal sah ich zu, wie zwei von ihnen sich schlugen. Als der eine bereits zu Boden gegangen war, trat der andere ihm wütend ins Gesicht, solange, bis es einem blutigen Klumpen Fleisch glich – bis man ihm endlich zu Hilfe kam – und rot-schwarz, grün-schwarz, orange-schwarz und blau-schwarz karierte Hemden und alles andere habe ich wieder vor Augen, als die letzten Häuser an der Straße vorbeiziehen und der Abend blau-schwarz hereinbricht, ausstaffiert mit Abertausenden Lichtern aus weit entfernten kosmischen Welten, Sternen und Planeten.«
(›Im Goldkiefernland‹, Seite 92/93)

[Herbert Huncke: Bickford’s Cafeteria, metro Verlag, 1990, aus dem Amerikanischen übertragen von Tamara Domentat & mit einem Vorwort von Allen Ginsberg, 281 Seiten, Broschur, ISBN: 392828200X]

Michel Matveev: Die Armee der namenlosen Revolutionäre. Rußland 1905. | *****

matveev_armee»Die russische Revolution von 1905 hat überall gleichzeitig angefangen, von Wladiwostock bis Sewastopol. Um sie vorzubereiten, um in diesem großen Land eine so konzentrierte Leistung zu bringen, bedurfte es einer großen Menge einfacher robuster Revolutionäre, einer Masse von Soldaten. Ich will Ihnen etwas von den bescheidenen Berufsrevolutionären erzählen, wie sie agierten, wie sie lebten, diese Armee der Namenlosen, wie ernst sie es meinten und wie wichtig es Ihnen war.« (Seite 5)

Mit diesen Zeilen beginnt der Zeugenbericht des vermutlich 1892 in Jaffa geborenen Joseph Constantinovsky (später: Constant), dessen Erstausgabe 1929 in Paris unter dem Pseudonym Michel Matveev  erschien, und die man durchaus als knappes & neugierig machendes Inhaltsverzeichnis dieses schmalen Bandes lesen kann.

In kurzen Kapiteln erzählt der Autor von den Lebensbedingungen der Arbeiter, Bauern & Soldaten im Zarenreich unmittelbar vor der Revolution, ebenso wie von den konspirativen Tätigkeiten, die die Vorraussetzungen dafür schufen, daß die seit Jahrzehnten gärende Unzufriedenheit & immer weiter fortschreitende Verelendung der Bevölkerungsmehrheit nicht mehr nur in gewalttätigen, anarchistischen Einzelaktionen sichtbar wurde, sondern durch die Koordinierung & Agitierung großer Bevölkerungsteile, die dann durch Volksaufklärung, Massenaufläufe, Demonstrationen, Straßenkämpfe und Generalstreiks das zaristische Imperium an den Rand des Zusammenbruchs führten.

Matveev berichtet von den Verhältnissen in den Krankhäusern, Kasernen & überfüllten Gefängnissen, von den Elendsquartieren der städtischen Arbeiterschaft & des Lumpenproletariats, von der Hoffnungslosigkeit der durch ständigen Hunger und Alkoholismus völlig verwahrlosten Landbevölkerung. Angesichts derartiger Zustände bedurfte es ungeheuerer Anstrengungen, die ›Erniedrigten und Beleidigten‹ davon zu überzeugen, daß revolutionäres Handeln zumindest die Hoffnung auf ein besseres Leben als das derzeitige verwirklichen könnte.

Die Armee der namenlosen Revolutionäre ist ein fokussierter, literarischer Parforceritt durch die russische Sozialgeschichte unter den Bedingungen revolutionärer Verhältnisse. Matveevs Sprache ist eine vibrierende & widerspiegelt insofern, wovon sie berichtet: mal ähnelt sie einer atemlos gehaltenen Rede, mal der Niederschrift eines fiebrigen Traumes, und die Tatsache, daß sie den Leser tief berührt und bewegt, ist zweifelsohne Rudolf von Bitters gelungener Übersetzung zu verdanken.

Bitter fragt sich in seinem informationsreichen, kundigen Nachwort, ob & in welcher Funktion der damals dreizehnjärige Constantinovsky/Matveev selbst als ›namenloser‹ Revolutionär aktiv teilnehmen haben könne, und vermutet:

»Bei alldem schreibt Mateev nie, was genau seine Tätigkeit gewesen ist im Jahr 1905. War sein Vater der ›mobile Mechaniker‹, der bei den Bauern Agitationsarbeit betreibt und wegen solcher Aktivitäten verbannt wurde? Als Mechaniker und Schlosser war der Autor, damals um die 13 Jahre alt, natürlich der Richtige für den Umgang mit Maschinen. Da er so viel über Druckereien schreibt, möchte man meinen, er sei auf diesem Gebiet tätig gewesen. Immerhin liegt es nahe, und vielleicht wird man es eines Tages noch herausfinden. Zunächst ist dies Buch vor allem ein Zeugnis aus erster Hand, plastisch, subjektiv, lebhaft und spannend.« (Seite 130)

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, daß dieses Buch auch außergewöhnlich schön gestaltet ist, was nicht nur für den Umschlag gilt, sondern auch für Layout, Typographie & Papier. Starke Empfehlung!

Michel Matveev: Die Armee der namenlosen Revolutionäre. Rußland 1905. | aus dem Französischen mit Anmerkungen & einem Nachwort von Rudolf von Bitter | Weidle Verlag | 2014 | fadengeheftete Broschur | 129 Seiten | ISBN: 9783938803639 | € 16,90

George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle | *****

„In einer aufgelassenen Kiesgrube bei Orange, Massachusetts, war ein Trailerpark. Im Dunkeln fuhr Eddie Coyle mit seinem alten Sedan de Ville langsam durch die Reihen der Trailer. Die eckigen Scheinwerfer waren aufgeblendet, die Breitreifen ragten rechts und links über die Ränder des schmalen Asphaltwegs. Vor einem hellblau und gelb gehaltenen Trailer mit schmiedeeisernen Verzierungen und einer mickrig wirkenden Stahltreppe hielt er an. Der Unterbau des Trailers war hinter silbrig glänzendem Stoff verborgen. An den Fenstern hingen Vorhänge, hinter denen Licht schimmerte.“ (S. 110)

Die Story von Die Freunde von Eddie Coyle, des ersten, 1971 erschienen Romans des amerikanischen Juristen & Schriftstellers George V. Higgins (1933 – 1999), der bereits 1973 unter dem Titel Hübscher Abend bis jetzt erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde (Hoffmann & Campe; Übersetzer: Ben Witter), ist schnell erzählt: der kleinkriminelle Dieb & Waffenschieber Eddie Coyle glaubt, durch einen scheinbar leichten Deal mit dem Polizisten Dave Foley einer anstehenden Verurteilung zu entgehen. Nachdem er einen seiner Kunden verraten hat, wähnt er sich auf der sicheren Seite. Daß dies ein Irrglaube war, wird schnell klar, nachdem die italienischen Mobster der Bostoner Unterwelt um Jimmy Scalisi sowie der als Polizeispitzel tätige Kneipenbesitzer Dillon ins Spiel kommen: und so gerät, wer seine vermeintlichen Freunde verrät, schnell selbst in die Schußlinie.

Higgins komponiert diese düstere Gangstergeschichte um Verrat und Vergeltung mit eleganter Hand. Seine Beschreibungen des Personals und der Szenerie sind äußerst knapp & treffend, und die Dialoge kann man nicht anders als phantastisch nennen. Dirk van Gunsterens Übersetzung trifft die unterschiedlichen Sprechweisen und den Jargon aufs Genaueste. Großes Lesevergnügen!

George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle | Kunstmann | 2014 | aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren | broschiert | 189 Seiten | 9783888979125 | € 14,95

Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert | *****

Die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert der in München lehrenden Historikerin Marie-Janine Calic ist der erste Versuch einer Gesamtdarstellung in deutscher Sprache. Neben den ereignisgeschichtlichen Wegmarken beschreibt die Autorin auch ausführlich die sozialen Verhältnisse in den Regionen & Volksgruppen sowie die intellektuellen Debatten, die sie stets im gesamteuropäischen Kontext bewertet. Ihre Kernthese lautet:

…nicht balkannotorische Unverträglichkeit und ewiger Völkerhass unterliefen das Projekt südslawischer Gemeinschaftlichkeit, sondern (…) die Politisierung von Differenz in der modernen Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts.

Ausgehend von den Anfängen des südslawischen Nationalismus im späten 19. Jahrhunderts schlägt Calic große Bögen zu den epochalen Ereignissen dieses extrem komplexen Staats-Gebildes: von den Balkankriegen 1913/14 und 1914/18 (und dem Untergang der sich bis dahin den Balkan teilenden Imperien nach Ende des ersten Weltkriegs) zum ersten jugoslawischen Staat (1918 – 1941); von dessen Zerfall im von Nazi-Deutschland initiierten Vernichtungskrieg in Südosteuropa und dem damit einhergehenden erfolgreichen Widerstand der von Tito geführten kommunistischen Partisanen-Bewegung zum zweiten Versuch, unter dem Banner von „Brüderlichkeit und Einheit“ und mit den Mitteln sozialistischer und später auch gemäßigt marktwirtschaftlicher Selbstverwaltung die höchst unterschiedlich entwickelten Völker und Regionen in einem auf ethnisch-proportionalen Ausgleich beruhenden Staat zu befrieden; von den Anfängen der Krise dieses auch außenpolitisch erfolgreichen Staates im Rahmen der post-fordistischen, weltweiten Krise der industriellen Produktion in den 70er Jahren, auf die der aufgeblähte Apparat der dezentalisierten, ökonomischen Selbstverwaltung keine andere Antwort fand als die Flucht in astronomische Verschuldung bis zu den nach Titos Tod 1980 beginnenden Versuchen, die nicht zu bewältigende ökonomische Krise in nationalistische & religiöse Erklärungsmuster zu transzendieren; und schließlich die nach dem Ende der „System-Konkurrenz“ sich hemmungslos entfaltenden national & religiös aufgeladenen Egoismen der Regionen & Völker, die unter tatkräftiger Mithilfe europäischer & transatlantischer Hilfe zurechtgebombt wurden in zukünftige EU-Aspiranten & Protektorate zweifelhafter Überlebensfähigkeit.

Trotz sprachlicher Schwächen und gelegentlicher inhaltlicher Widersprüche gelingt Marie-Janine Calic ein beeindruckendes Buch über einen der faszinierendsten Staaten der jüngeren Geschichte. Empfehlung!

Beck | 2010 | Paperback | 415 Seiten | 9783406606465 | € 26,95