Archiv der Kategorie: 1990

Anthony Burgess: D. H. Lawrence – Ein Leben in Leidenschaft

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Ich vermute, daß ich nicht der einzige sehr junge Mann gewesen bin, der von ›Lady Chatterley‹ enttäuscht wurde: zu plakativ die Reklame für dieses lange indizierte ›erotische Meisterwerk‹, das erst 1961 ungekürzt erscheinen durfte, im Vergleich zur dort gemachten Beute: meiner mittlerweile verblassten Erinnerung nach gab es dort ein, zwei Stellen, die das Attribut ›erotisch‹ verdienten. Wie viel ergiebiger war dagegen Henry Miller: bei ihm gab es praktisch nur ›Stellen‹, und Paris war auch ein ungleich spannenderer Schauplatz als die englische Provinz.

Wie schön, daß nun dieser Zufallsfund aus dem Antiquariat wieder den Blick auf Lawrence lenkt & die hormongesteuerte Wahrnehmungsstörung eines Siebzehnjährigen in ein anderes Licht rückt. Burgess’ biographischer Essay hält die perfekte Balance zwischen Werk-Analyse und Lebensbildnis; er ist sehr gut geschrieben und übersetzt, und trotz der profunden Gelehrsamkeit des Autors von uneitler Haltung. Integriert in diese Werk- & Lebensbetrachtung ist auch eine kleine Geschichte des englischen Geisteslebens und seiner intellektuellen Zirkel von der Jahrhundertwende bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Er macht gleichermaßen Lust, den Portraitierten (neu) zu entdecken, als auch den Autor selbst, dessen ›Clockwork Orange‹ die bisher einzige Lektüre war.

Satz und Druck (Clausen & Bosse) dieses Buches sind leider nicht zu rühmen: etliche orthographische Fehler, fehlende & fehlerhafte Interpunktion, schlechte Trennungen, und der Druck ist ungleichmäßig & ausgefranst.

Schwamm drüber: eine wirklich glücklich machende Lektüre!

[Anthony Burgess: D.H. Lawrence – Ein Leben in Leidenschaft; aus dem Englischen von Stefan Weidle, Kellner, 1990, GEB m. SU, Fadenheftung, 300 Seiten, ISBN: 3927623083]

Herbert Huncke: Bickford’s Cafeteria

Foto 13.12.14 13 11 18»Sie sprechen von Goldkiefern, und ich werde zurückversetzt, weit in die Vergangenheit, und es ist Spätsommer außerhalb von Potlatch, Idaho. Die Sonne geht unter – der Himmel in Fetzen gerissen – safrangelb – eisgrün – lavendel und verschiedene Rosatöne von flamingo bis zum blassesten Pastell – überlagert von bedrohlich schwarzen Wolkenformationen. Die Straße ist aus gelber Erde und festgepreßtem Sand und einer Schicht grober, weißer Kieselsteine. Sie windet sich durch einen Komplex grauer Schindelhäuser – vorbei an Bahnschienen und einem Zug flacher Waggons, die mit frisch gefällten, massiven Baumstämmen beladen sind. Sie kommen aus den umliegenden Wäldern, die sich meilenweit über die Hügel erstrecken – zu groß für das Sägewerk, einem angestrichenen Gebäude aus Rotholz am Ortsrand, wo viele Leute aus der Stadt arbeiten – die anderen sind meistens in den Wäldern beschäftigt – sie sägen und hacken und fällen und schleppen die großen, majestätischen Bäume weg – die Landschaft durchzogen vom Hall ihres qualvollen Niederkrachens, einem dumpfen Todesaufprall – und wir sitzen in einem offenen Modell-T-Ford und fahren am Sägewerk vorbei – der Gemischtwarenhandlung – einer Bierpinte – wo ich mich früher – vor der Zeit, über die ich gerade berichte – oft betrunken habe – überschäumende Krüge eiskalten Biers runterkippte, die von einer dunkelhaarigen Kellnerin an den Tisch gebracht wurden – die Kneipensitten einer Holzfällerstadt waren ihr geläufig – sie konnte lachen darüber und pausenlos scherzen mit den rotgesichtigen, stämmigen Holzfällern – die immer noch ihre festen, imprägnierten Stiefel anhatten. Einmal sah ich zu, wie zwei von ihnen sich schlugen. Als der eine bereits zu Boden gegangen war, trat der andere ihm wütend ins Gesicht, solange, bis es einem blutigen Klumpen Fleisch glich – bis man ihm endlich zu Hilfe kam – und rot-schwarz, grün-schwarz, orange-schwarz und blau-schwarz karierte Hemden und alles andere habe ich wieder vor Augen, als die letzten Häuser an der Straße vorbeiziehen und der Abend blau-schwarz hereinbricht, ausstaffiert mit Abertausenden Lichtern aus weit entfernten kosmischen Welten, Sternen und Planeten.«
(›Im Goldkiefernland‹, Seite 92/93)

[Herbert Huncke: Bickford’s Cafeteria, metro Verlag, 1990, aus dem Amerikanischen übertragen von Tamara Domentat & mit einem Vorwort von Allen Ginsberg, 281 Seiten, Broschur, ISBN: 392828200X]