Archiv für die Kategorie ‘Belletristik’

Rainald Goetz: loslabern | ****

Sonntag, 29. August 2010

goetz_loslabernLoslabern ist - nach Klage - der zweite Teil von Rainald Goetz’ “..fortlaufendem Kommentar der Gegenwart..” (Iris Radisch) und reiht tagebuchartig lose miteinander verknüpfte Betrachtungen, Traktätchen und Lamentos über das geistige & kulturelle Leben im Allgemeinen und dessen Manifestationen in den Feuilletons der Republik (oder auch auf der Frankfurter Buchmesse ) aneinander: mal launisch-lässig, mal mit verbissenem Furor arbeitet sich Goetz am Kulturbetrieb und dessen Protagonisten ab. Da der Autor ein äußerst selbstbewußter Alles- und Besserwisser ist, steht neben scharfsinnigen und klugen Analysen auch allerlei hanebüchener Unsinn, vor allem, wenn Politik aufs Tapet gebracht wird. Loslabern ist ein Buch für die Fans von polemisch-intelligenter Tendenzliteratur, etwa von Biller oder Broder, und auch die Leser von Thomas Bernhard kommen hier auf ihre Kosten | BS |

Suhrkamp | 2009 | 187 Seiten | Hardcover | 9783518421123 | € 17,80

Pete Dexter: Paris Trout | *****

Donnerstag, 19. August 2010

18581_Dexter_Paris_BS_1.indd

In Paris Trout, dem ebenfalls mit dem National Book Ward ausgezeichneten Roman des amerikanischen Drehbuch-Autors und Romanciers Pete Dexter, wird eine düstere Geschichte erzählt, die sich in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem Provinznest in den Südstaaten der USA ereignet: Paris Trout, ein rassistischer und perverser Ladeninhaber und Kredithai, ermordet aus nichtigem Anlaß ein farbiges Mädchen. Alle - halbherzigen - Versuche, ihn dafür zur moralischen und juristischen Verantwortung zu ziehen, scheitern, weil fast alle an der Ermittlung Beteiligten einem gesellschaftlichem Umfeld entstammen, in dem die Ermordung einer Farbigen wenig mehr als eine Ordnungswidrigkeit gilt. Lediglich der Anwalt des Beschuldigten verändert seine Haltung im Laufe der Ermittlungen, deren Ende in eine Katastrophe mündet. Lakonisch geschrieben und elegant komponiert, ist dieses Buch eine nachdrückliche Empfehlung für Liebhaber sozial und politisch grundierter Gesellschaftsromane | BS |

S. Fischer | 2010 | 415 Seiten | Taschenbuch | 9783596185818 | € 9,95

Denis Johnson: Ein gerader Rauch | **

Freitag, 13. August 2010

johnson_rauch1

Der vorliegende voluminöse und mit dem - neben dem Pulitzer-Preis - wichtigsten amerikanischen Literaturpreis, dem National Book Award, ausgezeichnete Roman des renommierten Autors Denis Johnson - der auch von uns durchaus geschätzt wird - ist eine Enttäuschung. Ein gerader Rauch versucht zuviel und scheitert daran. Johnson erzählt von menschlichen Schicksalen rund um den Vietnam-Krieg - von den dräuenden Verhältnissen auf den Philippinen in den den frühen 60er Jahren, wo sich die zukünftigen Konflikte in Vietnam bereits am Horizont ankündigen, bis zu den eigentlichen Verwicklungen im schmutzigen Krieg in Vietnam und Kambodscha: eine christliche Krankenschwester, ein  CIA-Agent , ein ermordeter Priester und ein Vietcong-Agent bilden das Personal in diesem Roman, der sowohl Ereignisgeschichte abbilden als auch ideengeschichtliches Traktat über Sinn und Unsinn menschlichen Lebens und Sterbens sein will - weder das eine noch das andere gelingt. Schade! | BS |

Rowohlt | 2010 | 887 Seiten | Taschenbuch | 9783499240416 | € 12.-

Pino Cacucci: Besser auf das Herz zielen | ****

Dienstag, 10. August 2010

pb

Der kleinen Edition Nautilus verdanken wir die deutsche Erstausgabe dieses historischen Doku-Romans über  Leben und Sterben des französischen Anarchisten Jules Bonnot (1876 - 1912). Cacucci, der im deutschen Sprachraum Anfang der 90er Jahre mit der schrillen und temporeichen Road-Novel Puerto Escondido bekannt wurde und auch eine gelobte Biographie über die italienische Künstlerin und Revolutionärin Tina Modotti veröffentlichte, gelingt im vorliegenden Buch ein differenziertes Portrait sowohl des rast- und ruhelosen Lebens des Protagonisten als auch des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem sich die damaligen Anarchisten  - als Staatsfeinde von Polizei und Justiz gnadenlos verfolgt - bewegt haben. Sehr gut ! | BS |

Edition Nautilus | 2010 | 349 Seiten | Hardcover | 9783894017224 | € 19,90

Richard Price: Cash | ****

Freitag, 06. August 2010

price_cash

Cash ist kein Kriminal-, sondern ein urbaner Gesellschaftsroman, angesiedelt in New Yorks Lower Eastside, dem historischen Einwanderer-Viertel, das in seinen Anfängen hauptsächlich von jüdischen Exilanten bevölkert wurde, später dann auch von Chinesen, Italienern und Latinos. Bis in die frühen 80er Jahre war die LES eines der abgewracktesten Stadtquartiere New Yorks, bevor es im Laufe der nächsten zehn Jahre von der kulturellen Boheme besiedelt wurde, um seit den späten 90ern einer fortlaufenden Gentrifizierung ausgesetzt zu sein. Ausgehend von einem nächtlichen Mord und dessen Aufklärung entwickelt der Autor eine spannende Geschichte, deren Personal – gestresste Polizisten, Drogen dealende Jugendliche, kellnernde Künstler – authentisch und glaubwürdig ist. Sehr gut! | BS / AS |

S. Fischer | 2010 | 521 Seiten | Hardcover | 9783100608109 | € 19,95

Nick McDonell: Ein hoher Preis | ***

Dienstag, 03. August 2010

Layout 1Dieser Polit- und Geheimdienstthriller enthält alles, was das Genre verlangt: CIA-Agenten, zwielichtige „Freiheitskämpfer“ am Horn von Afrika und idealistische Intellektuelle, die Opfer von politischer Desinformation und Verleumdung werden. Der Autor kann gut und flott schreiben, allein die Charaktere dieser spannenden Geschichte bleiben doch an etlichen Stellen etwas blaß. Graham Greene, der vom Verlag bemühte Referenz-Autor, läßt zwar grüßen, aber aus großer Ferne | BS |

Berlin Verlag | 2010 | 302 Seiten | Hardcover | 9783827009449 | € 22.-

Sven Regener: Der kleine Bruder | ****

Freitag, 16. Juli 2010

regener_bruderKenner des Regenerschen Oevres ordnen dieses Werk innerhalb der Lehmann Trilogie als unbedeutend gegenüber den beiden anderen Romanen ein. Hier wird dem völlig im Verborgenen lebenden Chronisten der 80er Jahre und der „Selbständigen Politischen Einheit Westberlins“ (W.Ulbricht)  jedoch Unrecht getan. Dieser große Roman, obwohl als letzter erschienen, ist der zweite in der Chronologie der Ereignisse um Frank Lehmann, der,  aus Bremen kommend, endlich in der großen Stadt eintrifft und sofort mit zwei Fragen konfrontiert wird: Wo ist sein großer Bruder? Und: Kann man beim Griechen den Ouzo danach nicht auch vorher trinken? Fragen über Fragen, auf die uns Lehmann überzeugende Anworten gibt | AS |

Goldmann | 2010 | 313 Seiten | Belletristik | Taschenbuch | 9783442470310 | 9,95 €

Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde | *****

Sonntag, 11. Juli 2010

Piwitt_lay_3:1

„Geschichten und Skizzen“ untertitelt der Wallstein - Verlag den neuen Prosaband von Hermann Peter Piwitt, der zur Hälfte unveröffentlichte und neue Texte enthält wie auch verstreut publizierte  - etwa in Konkret, der FR oder der TAZ - von 1975 bis in die Gegenwart. Die Themen dieser manchmal nur wenige Seiten langen Notate reichen von Beobachtungen in Nachbarschaft & Kiez über Reisenotizen aus Italien bis hin zu scharfsinnigen politischen Essays, beispielsweise Das Verschwinden der Ursachen…aus dem Jahr 1982, einer eleganten Polemik gegen die inflationäre Ausbreitung esoterischen Humbugs, der die junge grüne Partei seit ihren Anfängen begleitete. Piwitt ist ein glänzender Stilist, und wir wünschen diesem gelungenen Buch die große Leserschaft, dies es verdient | BS |

Wallstein | 2010 | 247 Seiten | Hardcover | 97838306219 | € 19,90

Hermann Kant: Kennung | ***

Sonntag, 04. Juli 2010

kant_kennungOstberlin im Frühjahr 1961: Der aufstrebende Literaturkritiker Linus Cord bekommt eines Morgens Besuch von einem sehr unauffälligen Herrn der „Firma“. Dieser möchte Cord dazu bewegen, sich im westlichen Teil der Stadt bei der Auskunftsstelle der Wehrmacht die Nummer seiner Erkennungsmarke zu beschaffen. Linus ist irritiert und ringt mit sich, schließlich ist er überzeugter DDR - Bürger. In diesem satirischen Roman gelingt es dem großen, alten Herrn der DDR -  Literatur, uns Lesern die Absurdität eines staatlichen Überwachungs- und Spitzelsystems vor Augen zu führen. Hermann Kant schreibt mit Sprachwitz und Humor und führt uns als allwissender Autor routiniert, aber manchmal ein wenig bemüht durch die Handlung | AS |

Aufbau | 2010 | 250 Seiten | Hardcover | 9783351033019 | 19,95 €

Philip Roth: Die Demütigung | ****

Mittwoch, 16. Juni 2010

roth_demutigungDas ist wahre Meisterschaft: Obwohl die Themen „alter Mann, junge Frau“ und „Erlösung durch Sex“ sich durch einen großen Teil der Werke von Philip Roth ziehen, gelingt es ihm immer wieder, uns mit wenigen Sätzen in den Bann zu schlagen und seine Bücher zu verschlingen. Dieser kleine Roman erzählt die Geschichte des Theaterschauspielers Simon Axler, der alle wichtigen Rollen in seinem Leben gespielt hat und nun, Anfang sechzig, seine Lebenskrise hat. Er will nicht mehr auf die Bühne, da er sich hier nur noch lächerlich vorkommt, seine Frau hat ihn verlassen, und sein Agent schafft es nicht, ihn zu einem Comeback zu bewegen. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt bekommt er überraschenden Besuch von der lesbischen Tochter eines befreundeten Paares.
Bevor man denkt, dass jetzt sämtliche Klischees bedient werden, versteht es Roth, uns mit diesem tragischen Porträt eines alternden Mannes zu fesseln | AS |

Hanser | 2010 | 138 Seiten | Hardcover | 9783446234932 | 15,90 €