Archiv für die Kategorie ‘2010’

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg | ***

Freitag, 03. September 2010

juretzka_willyEine Katastrophe ist passiert: Willy Heckhoff, Millionenerbe und Finanzier der Motorradgang „Stormfuckers”, ist entführt worden. Kristof Kryszinski, Privatdetektiv, Ex-Knacki und ebenfalls Mitglied der schrägen Bikertruppe, muss ran. Verdächtig sind Nazirocker und Mafiakiller, und nebenbei muss KK noch eine Anschlagsserie auf eine Fastfoodkette aufklären, die im Roman aus Datenschutzgründen nur MC Dagoberts heißt. Ja, es geht turbulent zu in Mülheim an der Ruhr. Dieser 2001 zum ersten Mal erschienene Krimi ist jetzt im Schweizer Unionsverlag wieder neu aufgelegt worden. Mit Kristof Kryszinski hat Jörg Juretzka einen eigenwilligen Ermittler geschaffen, der manchmal an den „Brenner“ von Wolf Haas erinnert. Das Buch ist stellenweise richtig komisch, worunter manchmal die Spannung ein wenig leidet | AS |

Union | 2010 | 311 Seiten | Taschenbuch | 9783293204935 | € 9,90 |

Pete Dexter: Paris Trout | *****

Donnerstag, 19. August 2010

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In Paris Trout, dem ebenfalls mit dem National Book Ward ausgezeichneten Roman des amerikanischen Drehbuch-Autors und Romanciers Pete Dexter, wird eine düstere Geschichte erzählt, die sich in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem Provinznest in den Südstaaten der USA ereignet: Paris Trout, ein rassistischer und perverser Ladeninhaber und Kredithai, ermordet aus nichtigem Anlaß ein farbiges Mädchen. Alle - halbherzigen - Versuche, ihn dafür zur moralischen und juristischen Verantwortung zu ziehen, scheitern, weil fast alle an der Ermittlung Beteiligten einem gesellschaftlichem Umfeld entstammen, in dem die Ermordung einer Farbigen wenig mehr als eine Ordnungswidrigkeit gilt. Lediglich der Anwalt des Beschuldigten verändert seine Haltung im Laufe der Ermittlungen, deren Ende in eine Katastrophe mündet. Lakonisch geschrieben und elegant komponiert, ist dieses Buch eine nachdrückliche Empfehlung für Liebhaber sozial und politisch grundierter Gesellschaftsromane | BS |

S. Fischer | 2010 | 415 Seiten | Taschenbuch | 9783596185818 | € 9,95

Denis Johnson: Ein gerader Rauch | **

Freitag, 13. August 2010

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Der vorliegende voluminöse und mit dem - neben dem Pulitzer-Preis - wichtigsten amerikanischen Literaturpreis, dem National Book Award, ausgezeichnete Roman des renommierten Autors Denis Johnson - der auch von uns durchaus geschätzt wird - ist eine Enttäuschung. Ein gerader Rauch versucht zuviel und scheitert daran. Johnson erzählt von menschlichen Schicksalen rund um den Vietnam-Krieg - von den dräuenden Verhältnissen auf den Philippinen in den den frühen 60er Jahren, wo sich die zukünftigen Konflikte in Vietnam bereits am Horizont ankündigen, bis zu den eigentlichen Verwicklungen im schmutzigen Krieg in Vietnam und Kambodscha: eine christliche Krankenschwester, ein  CIA-Agent , ein ermordeter Priester und ein Vietcong-Agent bilden das Personal in diesem Roman, der sowohl Ereignisgeschichte abbilden als auch ideengeschichtliches Traktat über Sinn und Unsinn menschlichen Lebens und Sterbens sein will - weder das eine noch das andere gelingt. Schade! | BS |

Rowohlt | 2010 | 887 Seiten | Taschenbuch | 9783499240416 | € 12.-

Pino Cacucci: Besser auf das Herz zielen | ****

Dienstag, 10. August 2010

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Der kleinen Edition Nautilus verdanken wir die deutsche Erstausgabe dieses historischen Doku-Romans über  Leben und Sterben des französischen Anarchisten Jules Bonnot (1876 - 1912). Cacucci, der im deutschen Sprachraum Anfang der 90er Jahre mit der schrillen und temporeichen Road-Novel Puerto Escondido bekannt wurde und auch eine gelobte Biographie über die italienische Künstlerin und Revolutionärin Tina Modotti veröffentlichte, gelingt im vorliegenden Buch ein differenziertes Portrait sowohl des rast- und ruhelosen Lebens des Protagonisten als auch des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem sich die damaligen Anarchisten  - als Staatsfeinde von Polizei und Justiz gnadenlos verfolgt - bewegt haben. Sehr gut ! | BS |

Edition Nautilus | 2010 | 349 Seiten | Hardcover | 9783894017224 | € 19,90

Richard Price: Cash | ****

Freitag, 06. August 2010

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Cash ist kein Kriminal-, sondern ein urbaner Gesellschaftsroman, angesiedelt in New Yorks Lower Eastside, dem historischen Einwanderer-Viertel, das in seinen Anfängen hauptsächlich von jüdischen Exilanten bevölkert wurde, später dann auch von Chinesen, Italienern und Latinos. Bis in die frühen 80er Jahre war die LES eines der abgewracktesten Stadtquartiere New Yorks, bevor es im Laufe der nächsten zehn Jahre von der kulturellen Boheme besiedelt wurde, um seit den späten 90ern einer fortlaufenden Gentrifizierung ausgesetzt zu sein. Ausgehend von einem nächtlichen Mord und dessen Aufklärung entwickelt der Autor eine spannende Geschichte, deren Personal – gestresste Polizisten, Drogen dealende Jugendliche, kellnernde Künstler – authentisch und glaubwürdig ist. Sehr gut! | BS / AS |

S. Fischer | 2010 | 521 Seiten | Hardcover | 9783100608109 | € 19,95

Nick McDonell: Ein hoher Preis | ***

Dienstag, 03. August 2010

Layout 1Dieser Polit- und Geheimdienstthriller enthält alles, was das Genre verlangt: CIA-Agenten, zwielichtige „Freiheitskämpfer“ am Horn von Afrika und idealistische Intellektuelle, die Opfer von politischer Desinformation und Verleumdung werden. Der Autor kann gut und flott schreiben, allein die Charaktere dieser spannenden Geschichte bleiben doch an etlichen Stellen etwas blaß. Graham Greene, der vom Verlag bemühte Referenz-Autor, läßt zwar grüßen, aber aus großer Ferne | BS |

Berlin Verlag | 2010 | 302 Seiten | Hardcover | 9783827009449 | € 22.-

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa | ****

Montag, 26. Juli 2010

gatti_bilalAuf der Flucht vor Armut und (Bürger-) Krieg sterben jährlich tausende Afrikaner an den Grenzen der Festung Europa. Eine der Hauptfluchtrouten verläuft von Westafrika durch die Staaten Mali und Niger quer durch die Sahara bis an die libysche Küste. Von dort aus geht es weiter auf ausgemusterten Fischerbooten nach Italien zur Insel Lampedusa. Wir kennen die Bilder: auf völlig überfüllten Schiffen sind halb verhungerte und verdurstete Menschen zu sehen, die von der Küstenwache in italienische Internierungslager gebracht werden. Der Journalist Fabrizio Gatti liefert eine glänzende Reportage dieser Leidens – Odyssee. Er ist auf LKWs mitgefahren, die mit bis zu 250 Menschen beladen sind, er berechnet, wieviel Gewinn ein Fahrzeug mit Flüchtlingen abwirft und wer davon profitiert. Gatti schleicht sich in Wallraff – Manier ins Lager auf Lampedusa ein und beschreibt die skandalösen Zustände, die dort herrschen. Diese aufwühlende Reportage gräbt sich tief in unser Gedächtnis ein und hinterlässt starke Zweifel, ob wir wirklich in der besten aller Welten leben | AS |

Antje Kunstmann | 2010 | 457 Seiten | Hardcover | 9783888975875 | 24,90 €

Sven Regener: Der kleine Bruder | ****

Freitag, 16. Juli 2010

regener_bruderKenner des Regenerschen Oevres ordnen dieses Werk innerhalb der Lehmann Trilogie als unbedeutend gegenüber den beiden anderen Romanen ein. Hier wird dem völlig im Verborgenen lebenden Chronisten der 80er Jahre und der „Selbständigen Politischen Einheit Westberlins“ (W.Ulbricht)  jedoch Unrecht getan. Dieser große Roman, obwohl als letzter erschienen, ist der zweite in der Chronologie der Ereignisse um Frank Lehmann, der,  aus Bremen kommend, endlich in der großen Stadt eintrifft und sofort mit zwei Fragen konfrontiert wird: Wo ist sein großer Bruder? Und: Kann man beim Griechen den Ouzo danach nicht auch vorher trinken? Fragen über Fragen, auf die uns Lehmann überzeugende Anworten gibt | AS |

Goldmann | 2010 | 313 Seiten | Belletristik | Taschenbuch | 9783442470310 | 9,95 €

Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde | *****

Sonntag, 11. Juli 2010

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„Geschichten und Skizzen“ untertitelt der Wallstein - Verlag den neuen Prosaband von Hermann Peter Piwitt, der zur Hälfte unveröffentlichte und neue Texte enthält wie auch verstreut publizierte  - etwa in Konkret, der FR oder der TAZ - von 1975 bis in die Gegenwart. Die Themen dieser manchmal nur wenige Seiten langen Notate reichen von Beobachtungen in Nachbarschaft & Kiez über Reisenotizen aus Italien bis hin zu scharfsinnigen politischen Essays, beispielsweise Das Verschwinden der Ursachen…aus dem Jahr 1982, einer eleganten Polemik gegen die inflationäre Ausbreitung esoterischen Humbugs, der die junge grüne Partei seit ihren Anfängen begleitete. Piwitt ist ein glänzender Stilist, und wir wünschen diesem gelungenen Buch die große Leserschaft, dies es verdient | BS |

Wallstein | 2010 | 247 Seiten | Hardcover | 97838306219 | € 19,90

Hermann Kant: Kennung | ***

Sonntag, 04. Juli 2010

kant_kennungOstberlin im Frühjahr 1961: Der aufstrebende Literaturkritiker Linus Cord bekommt eines Morgens Besuch von einem sehr unauffälligen Herrn der „Firma“. Dieser möchte Cord dazu bewegen, sich im westlichen Teil der Stadt bei der Auskunftsstelle der Wehrmacht die Nummer seiner Erkennungsmarke zu beschaffen. Linus ist irritiert und ringt mit sich, schließlich ist er überzeugter DDR - Bürger. In diesem satirischen Roman gelingt es dem großen, alten Herrn der DDR -  Literatur, uns Lesern die Absurdität eines staatlichen Überwachungs- und Spitzelsystems vor Augen zu führen. Hermann Kant schreibt mit Sprachwitz und Humor und führt uns als allwissender Autor routiniert, aber manchmal ein wenig bemüht durch die Handlung | AS |

Aufbau | 2010 | 250 Seiten | Hardcover | 9783351033019 | 19,95 €