Archiv für die Kategorie ‘*****’

Pete Dexter: Paris Trout | *****

Donnerstag, 19. August 2010

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In Paris Trout, dem ebenfalls mit dem National Book Ward ausgezeichneten Roman des amerikanischen Drehbuch-Autors und Romanciers Pete Dexter, wird eine düstere Geschichte erzählt, die sich in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem Provinznest in den Südstaaten der USA ereignet: Paris Trout, ein rassistischer und perverser Ladeninhaber und Kredithai, ermordet aus nichtigem Anlaß ein farbiges Mädchen. Alle - halbherzigen - Versuche, ihn dafür zur moralischen und juristischen Verantwortung zu ziehen, scheitern, weil fast alle an der Ermittlung Beteiligten einem gesellschaftlichem Umfeld entstammen, in dem die Ermordung einer Farbigen wenig mehr als eine Ordnungswidrigkeit gilt. Lediglich der Anwalt des Beschuldigten verändert seine Haltung im Laufe der Ermittlungen, deren Ende in eine Katastrophe mündet. Lakonisch geschrieben und elegant komponiert, ist dieses Buch eine nachdrückliche Empfehlung für Liebhaber sozial und politisch grundierter Gesellschaftsromane | BS |

S. Fischer | 2010 | 415 Seiten | Taschenbuch | 9783596185818 | € 9,95

Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde | *****

Sonntag, 11. Juli 2010

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„Geschichten und Skizzen“ untertitelt der Wallstein - Verlag den neuen Prosaband von Hermann Peter Piwitt, der zur Hälfte unveröffentlichte und neue Texte enthält wie auch verstreut publizierte  - etwa in Konkret, der FR oder der TAZ - von 1975 bis in die Gegenwart. Die Themen dieser manchmal nur wenige Seiten langen Notate reichen von Beobachtungen in Nachbarschaft & Kiez über Reisenotizen aus Italien bis hin zu scharfsinnigen politischen Essays, beispielsweise Das Verschwinden der Ursachen…aus dem Jahr 1982, einer eleganten Polemik gegen die inflationäre Ausbreitung esoterischen Humbugs, der die junge grüne Partei seit ihren Anfängen begleitete. Piwitt ist ein glänzender Stilist, und wir wünschen diesem gelungenen Buch die große Leserschaft, dies es verdient | BS |

Wallstein | 2010 | 247 Seiten | Hardcover | 97838306219 | € 19,90

Giancarlo De Cataldo: Romanzo Criminale | *****

Sonntag, 06. Juni 2010

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Der hauptberuflich als Richter tätige Autor erzählt in Romanzo Criminale die auf Tatsachen beruhende Geschichte des Aufstiegs und Falls der sogenannten Magliana-Bande, einer Vereinigung kleinkrimineller Ganoven aus dem ehemaligen römischen Arbeiterviertel Trastevere, die zwischen 1978 und 1989 Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel in Rom beherrschten.  Der Erfolg der klandestin operierenden Gruppe läßt sie schnell ins Fadenkreuz der konkurrierenden Mafia als auch des italienischen Staatsschutzes geraten, und die mögliche Beteiligung der Bande an der Entführung Aldo Moros als auch am Bombenattentat auf den Bahnhof in Bologna bietet Raum für vielfältige Spekulationen und Verschwörungstheorien. Cataldo inszeniert diesen Stoff als spannenden Doku-Thriller, der mit den Mitteln des Krimi Noir zum literarischen Kammerspiel über ehrgeizige Träume und deren Scheitern gerät. Der nach dem Roman gedrehte Spielfilm von Michele Placido, der es bisher noch nicht in die deutschen Kinos geschafft hat, ist ebenfalls lohnenswert: eine traurig-brutale Gangster-Ballade, die gekonnt mit der Ästhetik und den Themen der Filme von Pasolini spielt | BS |

Folio | 2010 | 575 Seiten | Hardcover | 9783852565088 | € 24,90

Peter Linebaugh / Marcus Rediker: Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks | *****

Sonntag, 30. Mai 2010

linebaugh_hydraDie beiden amerikanischen Historiker beschreiben den Aufstieg des britischen Empire und die Entfaltung des Kapitalismus aus einem radikal anderen Blickwinkel. In der Frühzeit des Kapitalismus, von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, einer Periode, die Karl Marx als „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ definierte, wurden die Grundlagen für den Aufstieg Großbritanniens zur führenden, europäischen Macht gelegt. Der Reichtum einer kleinen besitzenden Klasse entstand durch Ausbeutung, Gewalt, Terror und Sklaverei. In England wurde ein großer Teil der Landbevölkerung durch Einzäunungen von der Allmende, dem bisherigen Gemeineigentum, ausgeschlossen, in Arbeitshäusern versklavt oder zwangsweise zum Militär und zur Marine gepresst. Das britische Empire ließ Irland, Nordamerika und die Karibik kolonisieren. Sklavenschiffe transportierten hunderttausende Afrikaner in die Karibik und die nordamerikanischen Kolonien. Die Ureinwohner Amerikas wurden unterworfen. Dies ist die Geschichte der Unterdrückten und Kolonisierten auf beiden Seiten des Atlantiks, die vielfältige Formen des Widerstandes praktizierten, die teilweise miteinander vernetzt waren und in unzähligen Revolten, Aufständen, aber auch als Piraten die Herrschenden in Angst und Schrecken versetzten und diese von einer „vielköpfigen Hydra“ fabulieren ließen, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen. Den Autoren ist ein Meisterwerk einer Geschichtsschreibung der sozialen Bewegungen gelungen, das allgemein verständlich und gut lesbar ist |AS|

Assoziation A | 2008 | Paperback | 427 Seiten | ISBN 9783935936651 | € 28,00 |

Nuruddin Farah: Netze | *****

Donnerstag, 08. April 2010

farah_netzeDas Cover dieses großartigen Buches legt nahe, es ginge darin um Stammesangelegenheiten in irgendeinem afrikanischen Land. Das führt in die Irre, denn der somalische Autor erzählt in “Netze” die Geschichte einer modernen und gebildeten, im kanadischen Toronto lebenden somalischen Frau. Nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Tod ihres Sohnes und den gescheiterten Versuchen beruflicher Selbstverwirklichung im Exil  beschließt sie, in das vom 10-jährigen Bürgerkrieg zerstörte Mogadishu zurückzukehren, um das von einem Warlord besetzte Haus ihrer Familie wieder in Besitz zu nehmen. Cambara gelingt es, Beziehungen zu Menschen zu knüpfen, die nicht in der Logik des Bürgerkriegs gefangen sind, um ihre Ziele zu erreichen - beeindruckende Literatur. Obwohl das Jahr noch jung ist: mein Buch des Jahres | BS |

Suhrkamp | 2010 | 483 Seiten | Hardcover | 978-3-518-42103-1 | € 28,80

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde | *****

Freitag, 12. März 2010

schalansky_atlasBei manchen Menschen weckt ein Blick auf den Globus Sehnsüchte nach Weite und Ferne. Betrachtet man die Weltkugel genauer, fallen einem fernab der Kontinente Inseln als winzige Einsprengsel in den Meeren auf. Jede Insel ist ein kleiner Kosmos für sich, der unsere Phantasie anregt und uns die Frage stellen lässt, wie es am Ende der Welt wohl aussieht und welches Leben Menschen dort führen. Judith Schalansky hat fünfzig Inseln ausgewählt: von „Einsamkeit“ im Arktischen Meer über „Süd Thule“ im Atlantik bis zur Osterinsel. Zu jedem Eiland gibt es eine Karte im gleichen Maßstab, Auszüge aus Reisebeschreibungen, Reportagen und wunderliche kleine Geschichten, die uns amüsieren oder erschaudern lassen. So wird der Leser zum Expeditionsteilnehmer eines Ausflugs in die reine Poesie | AS |

Mare | 2009 | 143 Seiten | Hardcover | ISBN 9783866481176 | € 34,00

James Ellroy: Blut will fließen | *****

Dienstag, 23. Februar 2010

ellroy_blut Der letzte Teil der Underworld-Trilogie spielt in den Jahren 1968 bis 1972, also in der Zeit von der Ermordung Robert Kennedys und Martin Luther Kings bis zur Watergate Affäre. Korrupte, rassistische Cops versuchen einen Überfall auf einen Geldtransporter aus dem Jahr 1964 aufzuklären, welcher der Schlüssel für alle folgenden Ereignisse ist. In weiteren Rollen finden wir Mafiatypen, Exilkubaner, den wahnsinnigen Milliardär Howard Hughes, FBI Chef Edgar Hoover und Präsident Richard Nixon. Ellroy liefert Stoff für unzählige Verschwörungstheorien. Er montiert Handlungsfetzen, Dokumente, Telefongespräche und Tagebuchnotizen zu einem gewaltigen Epos des reaktionären Untergrunds der jüngsten US-Amerikanischen Geschichte. Selten hat es mehr Spaß gemacht, sich vom Großmeister des abgedrehten Krimis in eine Parallelwelt entführen zu lassen | AS |

Ullstein | 2010 | 783 Seiten | Hardcover | 9783550086779 | € 24,90

Witold Bereś/Krzysztof Burnetko: Marek Edelmann erzählt | *****

Donnerstag, 14. Januar 2010

beres_edelman6Der erst vor wenigen Monaten neunzigjährig verstorbene Marek Edelman war einer der wenigen Überlebenden des Warschauer Ghettos und einer der militärischen Kommandanten der Jüdischen Kampforganisation (ZOB), die maßgeblich am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt war. Nach der Flucht aus dem Ghetto beteiligte er sich am Partisanenkampf in den Wäldern um Warschau und am Warschauer Aufstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Edelman als Kardiologe und wirkt jahrzehntelang als Mitglied der demokratischen Opposition in Polen; 1980 ist er Mitgründer der Solidarnosz, deren links-sozialdemokratischem Flügel er sich Zeit seines Lebens verbunden fühlt.
In einer Mischung aus direkten und indirekten Interviews sowie zahlreichen Zitaten aus  Büchern, Reden und sonstigen Schriften Edelmans und zahlreicher Zeitzeugen kompilieren die beiden polnischen Journalisten ein vielschichtiges biographisches Portrait dieser beeindruckenden Persönlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Ereignisse im Ghetto - großartig! | BS |

Parthas | 2009 | 687 Seiten | Hardcover | 9783869640129 | € 24.-

Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test. Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Merry Pranksters | *****

Montag, 23. November 2009

wolfe_electricIn seiner brillanten Reportage aus dem Jahr 1968 beschreibt Tom Wolfe eine der Geburtsstunden der amerikanischen Hippiebewegung und Gegenkultur. 1964 reiste Ken Kesey, der Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“, zusammen mit einem Haufen Freaks, den „Lustigen Schelmen“,  in einem bemalten ehemaligen Schulbus durch die USA. Bunt gekleidet, immer einen Kanister von mit (damals noch legalem) LSD versetzten Orangensaft an Bord, durchquerte die dadaistische Spaßtruppe die öden amerikanischen Vorstädte und bot so einen perfekten Gegenentwurf zum Leben des gewöhnlichen Spießers. Dem entsprechend wurde die Gruppe von Bürgern und Behörden angefeindet. In den Jahren bis 1968 lebten die Pranksters in einer Kommune in der Nähe von San Francisco, schmissen LSD Partys (Acid Tests) und propagierten die freie Liebe. Tom Wolfe, einer der Begründer des „New Journalism“, ist bei vielen Aktionen als teilnehmender Beobachter dabei. Er lässt die Protagonisten selbst zu Wort kommen und liefert zusammen mit der Musik von Grateful Dead den authentischen Sound zum „Summer of Love“ an der amerikanischen Westküste. Schön, dass dieser Klassiker in einer verbesserten Übersetzung wieder erhältlich ist | AS |

Heyne | 2009 | 560 Seiten | Taschenbuch | 9783453406216 | € 9,95

Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941 – 1944 | *****

Sonntag, 20. September 2009

sutzkever_gettoDer jüdische Dichter Abraham Sutzkever, einer der wenigen Überlebenden des Holocausts in Litauen, beschreibt die Ereignisse in Vilnius vom Einmarsch der Nazi–Wehrmacht bis zur Befreiung durch die Truppen der Roten Armee. Im ehemaligen „Jerusalem des Ostens“ wüteten deutsche Mordkommandos und litauische Milizen mit unvorstellbarer Grausamkeit. Die minuziöse Beschreibung der Verbrechen macht die Lektüre nahezu unerträglich. Sutzkever berichtet jedoch auch vom Aufbau des kulturellen Lebens in Zeiten der Hoffnungslosigkeit, von Widerstandsaktionen und Partisanenkämpfen - dank des Ammann-Verlages liegt dieses wichtige Buch nun zum ersten Mal in deutscher Sprache vor | AS/BS |

Ammann | 2009 | 266 Seiten | Hardcover | 9783250105305 | € 22,95