Archiv für die Kategorie ‘Politik + Geschichte’

Pino Cacucci: Besser auf das Herz zielen | ****

Dienstag, 10. August 2010

pb

Der kleinen Edition Nautilus verdanken wir die deutsche Erstausgabe dieses historischen Doku-Romans über  Leben und Sterben des französischen Anarchisten Jules Bonnot (1876 - 1912). Cacucci, der im deutschen Sprachraum Anfang der 90er Jahre mit der schrillen und temporeichen Road-Novel Puerto Escondido bekannt wurde und auch eine gelobte Biographie über die italienische Künstlerin und Revolutionärin Tina Modotti veröffentlichte, gelingt im vorliegenden Buch ein differenziertes Portrait sowohl des rast- und ruhelosen Lebens des Protagonisten als auch des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem sich die damaligen Anarchisten  - als Staatsfeinde von Polizei und Justiz gnadenlos verfolgt - bewegt haben. Sehr gut ! | BS |

Edition Nautilus | 2010 | 349 Seiten | Hardcover | 9783894017224 | € 19,90

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa | ****

Montag, 26. Juli 2010

gatti_bilalAuf der Flucht vor Armut und (Bürger-) Krieg sterben jährlich tausende Afrikaner an den Grenzen der Festung Europa. Eine der Hauptfluchtrouten verläuft von Westafrika durch die Staaten Mali und Niger quer durch die Sahara bis an die libysche Küste. Von dort aus geht es weiter auf ausgemusterten Fischerbooten nach Italien zur Insel Lampedusa. Wir kennen die Bilder: auf völlig überfüllten Schiffen sind halb verhungerte und verdurstete Menschen zu sehen, die von der Küstenwache in italienische Internierungslager gebracht werden. Der Journalist Fabrizio Gatti liefert eine glänzende Reportage dieser Leidens – Odyssee. Er ist auf LKWs mitgefahren, die mit bis zu 250 Menschen beladen sind, er berechnet, wieviel Gewinn ein Fahrzeug mit Flüchtlingen abwirft und wer davon profitiert. Gatti schleicht sich in Wallraff – Manier ins Lager auf Lampedusa ein und beschreibt die skandalösen Zustände, die dort herrschen. Diese aufwühlende Reportage gräbt sich tief in unser Gedächtnis ein und hinterlässt starke Zweifel, ob wir wirklich in der besten aller Welten leben | AS |

Antje Kunstmann | 2010 | 457 Seiten | Hardcover | 9783888975875 | 24,90 €

Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde | *****

Sonntag, 11. Juli 2010

Piwitt_lay_3:1

„Geschichten und Skizzen“ untertitelt der Wallstein - Verlag den neuen Prosaband von Hermann Peter Piwitt, der zur Hälfte unveröffentlichte und neue Texte enthält wie auch verstreut publizierte  - etwa in Konkret, der FR oder der TAZ - von 1975 bis in die Gegenwart. Die Themen dieser manchmal nur wenige Seiten langen Notate reichen von Beobachtungen in Nachbarschaft & Kiez über Reisenotizen aus Italien bis hin zu scharfsinnigen politischen Essays, beispielsweise Das Verschwinden der Ursachen…aus dem Jahr 1982, einer eleganten Polemik gegen die inflationäre Ausbreitung esoterischen Humbugs, der die junge grüne Partei seit ihren Anfängen begleitete. Piwitt ist ein glänzender Stilist, und wir wünschen diesem gelungenen Buch die große Leserschaft, dies es verdient | BS |

Wallstein | 2010 | 247 Seiten | Hardcover | 97838306219 | € 19,90

Peter Linebaugh / Marcus Rediker: Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks | *****

Sonntag, 30. Mai 2010

linebaugh_hydraDie beiden amerikanischen Historiker beschreiben den Aufstieg des britischen Empire und die Entfaltung des Kapitalismus aus einem radikal anderen Blickwinkel. In der Frühzeit des Kapitalismus, von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, einer Periode, die Karl Marx als „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ definierte, wurden die Grundlagen für den Aufstieg Großbritanniens zur führenden, europäischen Macht gelegt. Der Reichtum einer kleinen besitzenden Klasse entstand durch Ausbeutung, Gewalt, Terror und Sklaverei. In England wurde ein großer Teil der Landbevölkerung durch Einzäunungen von der Allmende, dem bisherigen Gemeineigentum, ausgeschlossen, in Arbeitshäusern versklavt oder zwangsweise zum Militär und zur Marine gepresst. Das britische Empire ließ Irland, Nordamerika und die Karibik kolonisieren. Sklavenschiffe transportierten hunderttausende Afrikaner in die Karibik und die nordamerikanischen Kolonien. Die Ureinwohner Amerikas wurden unterworfen. Dies ist die Geschichte der Unterdrückten und Kolonisierten auf beiden Seiten des Atlantiks, die vielfältige Formen des Widerstandes praktizierten, die teilweise miteinander vernetzt waren und in unzähligen Revolten, Aufständen, aber auch als Piraten die Herrschenden in Angst und Schrecken versetzten und diese von einer „vielköpfigen Hydra“ fabulieren ließen, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen. Den Autoren ist ein Meisterwerk einer Geschichtsschreibung der sozialen Bewegungen gelungen, das allgemein verständlich und gut lesbar ist |AS|

Assoziation A | 2008 | Paperback | 427 Seiten | ISBN 9783935936651 | € 28,00 |

Witold Bereś/Krzysztof Burnetko: Marek Edelmann erzählt | *****

Donnerstag, 14. Januar 2010

beres_edelman6Der erst vor wenigen Monaten neunzigjährig verstorbene Marek Edelman war einer der wenigen Überlebenden des Warschauer Ghettos und einer der militärischen Kommandanten der Jüdischen Kampforganisation (ZOB), die maßgeblich am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt war. Nach der Flucht aus dem Ghetto beteiligte er sich am Partisanenkampf in den Wäldern um Warschau und am Warschauer Aufstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Edelman als Kardiologe und wirkt jahrzehntelang als Mitglied der demokratischen Opposition in Polen; 1980 ist er Mitgründer der Solidarnosz, deren links-sozialdemokratischem Flügel er sich Zeit seines Lebens verbunden fühlt.
In einer Mischung aus direkten und indirekten Interviews sowie zahlreichen Zitaten aus  Büchern, Reden und sonstigen Schriften Edelmans und zahlreicher Zeitzeugen kompilieren die beiden polnischen Journalisten ein vielschichtiges biographisches Portrait dieser beeindruckenden Persönlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Ereignisse im Ghetto - großartig! | BS |

Parthas | 2009 | 687 Seiten | Hardcover | 9783869640129 | € 24.-

Katharina Raabe/Monika Sznajderman (Hg.): Odessa Transfer - Nachrichten vom Schwarzen Meer | ****

Samstag, 26. Dezember 2009

odessa_tansferOdessa Transfer ist eine kulturgeschichtlich-literarische Anthologie, deren Autoren (Neal Asherson, Karl-Markus Gauß, Sibylle Lewitscharoff, Emine Sevgi Özdamar u. v. m.) in Reisenotizen, Essays, Reportagen und Erzählungen der Gegenwart und der Geschichte der Staaten, Regionen und Städte rund um das Schwarze Meer einen zeitgenössischen Ausdruck verleihen. Das Spektrum der Themen reicht von den Mythen der Antike über den größten Basar Europas, den “Siebten Kilometer” am Rande Odessas, bis zur post-sowjetischen Tristesse in den ehemaligen Republiken der UDSSR. Allein von den S/W-Bildern des Photographen Andrzej Kramarz hätte man sich noch mehr gewünscht - und die auch in besserer Druckqualität…  | BS |

Suhrkamp | 2009 | 258 Seiten | Hardcover | ISBN 9783518421178 | € 26,80

Raul Zelik und Elmar Altvater: Vermessung der Utopie. Ein Gespräch über die Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft | ****

Sonntag, 20. Dezember 2009

altvater_vermessungNach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme 1989 schien es auch für viele Linke, die sich nie mit dem Staatssozialismus identifiziert hatten, keine Alternative zum bestehenden kapitalistischen Weltsystem zu geben. Doch angesichts der unterschiedlichen Krisen, die uns die gegenwärtige Produktions- und Konsumtionsweise beschert (Finanz-, Überproduktions- und Energiekrise, sowie die ökologische Krise und die Hungerkrise), ist es immer noch notwendig über die Frage zu diskutieren, ob eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus denkbar und wünschenswert ist. In dem lesenswerten Bändchen aus dem kleinen und feinen Blumenbar Verlag unternehmen der Autor und Journalist Raul Zelik und Elmar Altvater, emeritierter Professor für politische Ökonomie und wissenschaftlicher Beirat von Attac, diesen Versuch. Sie versuchen das Verhältnis von Markt und Staat zu klären, geben einen Überblick über mögliche Formen des Eigentums an Produktionsmitteln und tasten sich an die Gestalt einer freien und solidarischen Gesellschaft heran. Da viele Fragen nur angerissen werden konnten, gibt es hier den Text und Möglichkeiten zur weiterführenden Diskussion | AS

Blumenbar | 2009 | 206 Seiten | Hardcover | 9783936738629 | € 14,90

Hans-Ulrich Dillmann & Susanne Heim: Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik | ****

Sonntag, 06. Dezember 2009

dillmann_fluchtpunktAuf der internationalen Flüchtlingskonferenz im französischen Évian-les-Bains im Juli 1938 machte der Diktator der Dominikanischen Republik, General Rafael Trujillo, den Repräsentanten der teilnehmenden Staaten ein überraschendes Angebot: er bot an, 100.000 jüdischen Flüchtlingen aus Europa Asyl auf der Karibikinsel zu gewähren. Der rassistische General wollte durch diese Maßnahme die Bevölkerung seines Landes „aufhellen“. Als kaum ein Land noch Flüchtlinge aufnehmen wollte, bot diese Offerte für viele Verfolgte die Hoffnung auf ein neues Leben. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte eine Emigration im großen Stil, doch immerhin gelang es, eine kleine Gemeinde nach Vorbild der israelischen Kibbuzim aufzubauen, deren Spuren im Badeort Sosuá heute noch zu besichtigen sind. In diesem spannenden Buch bringen uns die Autoren ein weitgehend unbekanntes Stück jüdischer und deutscher Geschichte näher. | AS |

Christoph Links | 2009 | 188 Seiten | Paperback | 9783861535515 | € 24,90

Halldór Gudmundsson: Wir sind alle Isländer - von Lust und Frust, in der Krise zu sein | ***

Mittwoch, 21. Oktober 2009

gudmundsson_lustDie kleine Insel im Nordatlantik wurde als erstes Land von der Finanzkrise getroffen und stand kurz vor dem Staatsbankrott. Gudmundsson gibt eine Chronik der Ereignisse und lässt Menschen aus allen Gesellschaftsschichten von ihrem Umgang mit der Krise berichten. Das Buch bietet eher ein Stimmungsbild der isländischen Gesellschaft als eine weitergehende Analyse | AS |

BTB | 2009 | 191 Seiten | Tascbenbuch | 9783442752485 | € 14,95

Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941 – 1944 | *****

Sonntag, 20. September 2009

sutzkever_gettoDer jüdische Dichter Abraham Sutzkever, einer der wenigen Überlebenden des Holocausts in Litauen, beschreibt die Ereignisse in Vilnius vom Einmarsch der Nazi–Wehrmacht bis zur Befreiung durch die Truppen der Roten Armee. Im ehemaligen „Jerusalem des Ostens“ wüteten deutsche Mordkommandos und litauische Milizen mit unvorstellbarer Grausamkeit. Die minuziöse Beschreibung der Verbrechen macht die Lektüre nahezu unerträglich. Sutzkever berichtet jedoch auch vom Aufbau des kulturellen Lebens in Zeiten der Hoffnungslosigkeit, von Widerstandsaktionen und Partisanenkämpfen - dank des Ammann-Verlages liegt dieses wichtige Buch nun zum ersten Mal in deutscher Sprache vor | AS/BS |

Ammann | 2009 | 266 Seiten | Hardcover | 9783250105305 | € 22,95